Einer der großen Musiker unserer Zeit ist tot. Der Posaunist Albert Mangelsdorff starb am 25. Juli dieses Jahres in der Frühe des Morgens. Er wurde 76 Jahre alt. Wir, die jungen Jazzer der Republik, nannten ihn zärtlich "der Albert". Er war unser Über-Ich. Er war die sanfte Autorität par excellence. Als Musiker ein Genius, als Mensch vorbildlich.

Nicht immer gibt es diese Kongruenz von künstlerischem Niveau und charakterlicher Größe. Was hab ich, vor allem im Lager der E-Musik, an Solisten erlebt, die mich fragen ließen: Wie kann diese Kanaille so ergreifend Bach spielen? Der frei schwebende Posaunist Mangelsdorff lebte seit 1957 in der Innenstadt von Frankfurt am Main. Seitdem ging er schon morgens nach dem Frühstück in den Jazzkeller in der Bockenheimer Straße. Er stieg hinab in dieses Musikloch, packte seine Posaune aus, stellte sein Metronom auf und fing an zu üben. Buup-Buup-Baba-Buup!

Um ihn herum lag noch der Dreck der letzten Nacht. Albert hielt Töne aus, spielte Tonleitern, probierte was Neues aus. Albert Mangelsdorff hatte einen gewaltigen Hunger auf musikalische Abenteuer. Er hatte anarchistische Züge. Gleichzeitig war er jemand, der Kindern Sahnebonbons schenkt. Freunde nannten ihn "Sankt Albert". Sie meinten damit das Integre, das Nichtkäufliche des Musikers, der von sich sagte: "Ich bin ein freischwebender Künstler."" Nur einmal hat er diesen Zustand verlassen. Das war vor vielen Jahren, als er sehr verliebt war. Der gestrenge Herr Schwiegervater wollte dem jungen Mangelsdorff seine Tochter nur zur Frau geben, wenn dieser eine feste Anstellung vorweisen könne.

Und so begab sich Albert der Liebe wegen zwei Jahre lang in die Tretmühle des Funkorchesters von Willy Berking. Ergebnis: Ehe kaputt – und die Erkenntnis, dass Dienst nach Stundenplan Kreativität ausschließt. Lieber die Achterbahn eines Jazzmusikerdaseins als die psychosomatische Störung mit Pensionsberechtigung in einem deutschen Funkhaus, sagte sich Albert Mangelsdorff. Er hat Recht behalten. Inzwischen ist Albert eine geschichtliche, eine lexikale Größe. Selbst Musiker aus der Sinfonik verneigen sich vor ihm.

Die Frage, warum good old Albert so viel gearbeitet, ja malocht hat, von Konzert zu Konzert, von Workshop zu Workshop, führt ins Innerste seines Wesens. "Da ist nichts mehr nach dem Tod", sagte er, und schon war er auf dem Sprung zum nächsten Auftritt. Keine Zeit für seine geliebten Spaziergänge im Wald, wo er Vogelstimmen auf Band aufnahm, die er später auswerten wollte. Er hörte in allen Tönen sozusagen nur seine Posaune oder Klänge von Musikern, denen er zufällig begegnete. Eines Tages hatte ihn der Dämon Arbeit in die DDR verschlagen. Nach seinem Konzert näherten sich ihm zwei Burschen. "Wir gratulieren Ihnen zum Geburtstag, Herr Mangelsdorff", sagten sie. Der Meister fiel aus allen Posaunen-Wolken. Vor lauter Arbeit hatte er den Geburtstag vergessen.