Stanislaw Lem hat Distanz geschaffen zwischen sich und der Öffentlichkeit. Seit Jahren hat man nichts mehr vom einstigen Star der Science-Fiction-Literatur gehört, dessen Werk in 57 Sprachen übersetzt und in einer Auflage von über 45 Millionen weltweit erschienen ist. In der Jagiellonen-Universität, wo Lem vor 15 Jahren Vorlesungen in Futurologie hielt, hat kaum jemand mehr Kontakt zu dem mittlerweile 83-jährigen Autor. Stattdessen zirkulieren Legenden und Gerüchte. Er sei ein verwegener Kerl, dieser Lem, erzählt man sich. Einen russischen Regisseur, der ihn mit einem Drehbuch besuchte und sich als neuer Andrej Tarkowskij aufspielte, soll der Schriftsteller eigenhändig auf die Straße gesetzt haben.

Tatsächlich lebt Lem seit Jahren zurückgezogen in einem schlichten grauen Haus mit riesigem Garten, fernab jeden touristischen Rummels in der Krakauer Vorortsiedlung Kliny. Doch der Empfang durch Lems Frau Barbara, durch seine Haushälterin und seinen Sekretär Wojciech Zemek fällt überaus freundlich aus. Man wird hinaufgeleitet in den ersten Stock, ins dunkle Arbeitszimmer, wo Tausende von Büchern akkurat hinter verglasten Regalen exakt auf Linie stehen. Japanische, persische, finnische, hebräische und isländische Belegexemplare überfluten die Borde. In dem Meer aus Büchern mit seinen verstreuten Lese-Inseln aus Sofas, Beistelltischchen und natürlich gewachsenen Türmen aus naturwissenschaftlichen Magazinen verschwindet der zierliche Autor Lem fast in seinem überdimensionierten Sessel. Ganz höflicher Gastgeber, erkundigt er sich nach der Anreise, hört aufmerksam zu und bestaunt die Bonsai-Tastatur des digitalen Aufnahmegeräts. Seine Leidenschaft für technische Neuerungen ist unübersehbar.

"Bereits als Kind scharte ich elektrostatische Geräte, Induktoren und Vakuumröhrchen um mich", erzählt Lem, "meine erste große Liebe sozusagen." Und als wolle er zeigen, dass diese Liebe nicht erloschen ist, führt er einen elektrostatischen Induktionsapparat auf seinem Schreibtisch vor. Er dreht an der seitlich angebrachten Kurbel – "eigentlich sollte die Maschine jetzt Funken sprühen" –, doch die Demonstration misslingt. "Entweder bin ich zu schwach, oder die Luftfeuchtigkeit ist zu hoch."

Als genialer Visionär wurde Stanislaw Lem bekannt, der in seinen Büchern viele Entwicklungen wie die Gen- und Nanotechnik, den bargeldlosen Zahlungsverkehr und den Biochip früh vorwegnahm. Doch heute, da die meisten seiner "Gedanken-Erfindungen" Realität sind, will er von seinen "futurologischen Kindern" nicht mehr allzu viel wissen. Der Wissenschaftsphilosoph, der seiner Zeit stets weit voraus war, verweigerte sich lange und standhaft der "zwangsweisen Computerisierung" und bestand darauf, seine Informationen weiter aus traditionellen Quellen zu beziehen. "Vor allem möchte ich kein Informationsnomade werden, der nur zusammenhangslos von Stimulus zu Stimulus hüpft." Lem zieht das informative Gespräch vor. Das viel zitierte "Wissen aus erster Hand" versteht er wörtlich und kommuniziert mit Wissenschaftlern in aller Welt. Er ruft in deren Labors an, erkundigt sich nach Veröffentlichungen in Fachblättern, telefoniert mit ehemaligen Weltraumfahrern und ist auf diese Weise stets bestens informiert.

Der Futurologe leidet heute unter der "Hölle der Wissensgesellschaft"

Wer hinter der Verweigerung zur Computerisierung nur eine schrullige Marotte eines alternden Denkers vermutet, liegt falsch. Denn auch, was das Internet betrifft, erwies sich Lem als weitsichtig. Im Jahre 1954, bevor überhaupt an das World Wide Web zu denken war, entwarf er bereits Computernetze und ließ in seinem Roman Lokaltermin die Vorläufer der Suchmaschinen vom Stapel. Seine "Insperten" führten als "Experten für Suchkunde" Untersuchungen zu Themen der "allgemeinen Ariadnologie und Labyrinthik" durch und kamen schon damals zu dem Ergebnis, die "Informationsumwelt" sei "von einer fürchterlichen Menge an Unsinn und Lügen verschmutzt". Seither hat Lem die Beschäftigung mit dem Phänomen des information overload nicht mehr losgelassen.

Sein ungestillter Wissensdurst prallt ständig mit der Unendlichkeit der Daten und der scheinbaren Unmöglichkeit zusammen, aus der Flut hereinbrechender Informationen wirkliches Wissen zu generieren. Als "wahre Hölle der Wissensgesellschaft" hat Lem dabei vor allem zwei Trends ausgemacht: zum einen die "explosionsartigen Eigenschaften von Information", die er als "Exploration" bezeichnet; zum anderen einen schleichenden Trend zu "Wissens-Monokulturen". Denn während das Wissen ständig expandiert und zunehmend verfügbar ist, breite sich zugleich ein "eindimensionales Wissen" aus. Es erweise sich als immer schwieriger, unterschiedliche Quellen und Sichtweisen zusammenzubringen, um ein rundes, vollständiges Wissensbild einer Sache zu erhalten. Zunehmend setzten sich weltweit nur wenige Bilder in den Köpfen der Menschen durch, geprägt durch die übermächtige Maschinerie eines alles dominierenden Medienzeitalters.

Eindimensionales Wissen kann man Lem bestimmt nicht vorwerfen. Der stets vielseitig interessierte Denker beschäftigte sich bereits neben seiner Medizinausbildung mit Problemen der Kybernetik, Philosophie und Mathematik. "Ganz nebenbei" versuchte er sich auch an einer allumfassenden Theorie des Gehirns. Heute, so findet Lem, lebten wir durchaus in einer ereignisreichen Welt; doch paradoxerweise werde sie für die meisten von uns immer erfahrungsärmer. Auch der "Verlust von wichtigem Wissen wie das Aussterben der Sprachen", von ihm bereits in seinem Buch Die Megabit-Bombe thematisiert, führt Lem zufolge zu "bedauerlichen, einseitigen Sichtweisen", die durch die Tendenz der modernen Medien zur "gerafften Wissenskürze" nur noch verschlimmert würden. Doch die Kritik des Visionärs beschränkt sich nicht auf die modernen Medien und Informationstechnologien. Schon frühzeitig hatte der Autor auch die paradoxe Position eines Kritikers seines eigenen Genres eingenommen, weil er "unter der real existierenden Science-Fiction gelitten habe wie ein Hund", wie er es ausdrückt. "Ich habe mich lange genug zum Narren gemacht. Die Zuneigung, die ich dem gefallenen Mädchen Science-Fiction entgegengebracht habe, ist nur zu vergleichen mit der Dummheit, sich in eine schöne Frau zu vergucken, um dann festzustellen, dass sie unter voranschreitender Zahnfäule leidet."

Einst habe er sich "ganz unbescheiden auf dem Schutthaufen der Fantasie niedergelassen, der sich Science-Fiction nennt", da er das Begriffspaar "Science" und "Fiction" anfangs wörtlich genommen habe. Doch längst ist er auf Distanz zum inzwischen ungeliebten Genre gegangen und parodiert die ganze Gattung. So beschert er etwa seinem schweijkschen Piloten Pirx im Raumschiff ganz alltägliche Probleme mit leicht verderblichen Lebensmitteln, er lässt ihn mit sinnlosen Formularen und vergesslichen Robotern kämpfen, unter Zahnschmerzen und umherfliegenden Navigationsbüchern leiden oder mit einem Eierkuchen eine Weltraumstation retten. An anderer Stelle kann ein Wissenschaftler seine Computersimulation nicht fortführen, da er die Stromrechnung nicht mehr bezahlen kann. Und der von Lem geschaffene "dümmste Computer, den es je gab", unternimmt einen verzweifelten Versuch, Menschen die Sinnhaftigkeit der arithmetischen Gleichung 2 + 2 = 7 nahe zu bringen.

Es droht kein Aufstand der Roboter – aber ein Kampf um Arbeitsplätze

Der Wissensforscher Lem, der mit einem Intelligenzquotienten von 180 einst als "klügstes Kind Südpolens" galt, hat die Messlatte seiner geistigen Sprunghöhe stets höher und höher gelegt. Seit 1987 möchte er sich mit fernen Welten allenfalls noch wissenschaftlich beschäftigten. Und die herkömmlichen Felder literarisch-philosophischer Welterkenntnis sind ihm längst zu eng geworden; so erfindet er seine eigenen neuen intelligenten Spielwiesen: zum Beispiel die Ignorantik, die Lehre über das aktuelle Unwissen, die Ariadnologie, Onomastik, Kryptochemokratie, Psivilisation, Exelopädie, Präfuturologie und Prognolinguistik.

Neben dieser ironisch-satirischen Neologismologie verfasst er wissenschaftliche Essays und philosophische Abhandlungen. Dabei legt der Theoretiker dem Schriftsteller Lem ständig neue Hindernisse in den Weg; Letzterer versucht entweder, diese Hürden zu meistern oder den Theoretiker zu widerlegen. So unterzieht er etwa seine frühzeitige Beschäftigung mit der Intelligenzforschung und den Grundfragen der Erkenntnistheorie, die Kinogänger heute aus dem Film Matrix kennen, einer strengen Analyse. Und während einst in seinem Kurzroman Der futurologische Kongress der Protagonist Ijon Tichy Drogen zu sich nahm, um seine halluzinatorisch erzeugte Scheinwelt abzubauen und in der Realität anzukommen, zeigt sich der Psilocybin-erfahrene Autor Lem heute geläutert und selbstkritisch.

Der Vergleich der biologischen mit der technischen Evolution interessiere ihn zwar nach wie vor. Doch viele seiner futurologischen Visionen, wie die intelligente Robotik, kinästhetisch reizvolle Ausflüge in den virtuellen Raum oder bemannte Flüge zu fernen Planeten, seien nur "Wahngebilde" und blieben auf immer ein Traum. Oder – und da gerät der feine alte Herr richtig in Rage – sie würden zu realen Albträumen. Angesichts der anstehenden klimatischen, ökologischen und demografischen Katastrophen solle man jedenfalls aufhören, ihn "weiterhin mit dem Science-Fiction-Schwachsinn zu belästigen". Kein Zweifel, der einstige Visionär sieht die Zukunft heute in eher düsterem Licht: "Die Steigerung der technischen Leistung geht paradoxerweise mit einem Verfall der Fantasie und Intelligenz der Menschen einher."

Als Beispiel nennt er die dereinst von ihm gepriesene "Künstliche Intelligenz". Während der Lem-Bewunderer und Nobelpreisträger Gerald M. Edelman im fernen San Diego seit nunmehr 20 Jahren an künstlichen Gehirnen forscht und seit 1998 einen Roboter namens Nomad kleine markierte Holzsteine einsammeln lässt und glaubt, damit der menschlichen Intelligenz entscheidend näher gekommen zu sein, sieht der Schriftsteller keinen Grund zur Euphorie. "Hätte ein Hans Moravec, Marvin Minski oder Ray Kurzweil meine Gedanken zum Thema Künstliche Intelligenz gekannt, so hätten sie sich vielleicht viel Arbeit ersparen können. Denn um einen intelligenten Roboter zu bauen", sagt Lem, "müsste dieser erleben und begreifen können. Dazu benötigt er einen Körper, der ebenso mit dieser Erfahrungswelt wächst wie der menschliche Körper." Diese sensomotorisch-kognitive Einheit künstlich schaffen zu wollen sei jedoch unmöglich und zudem völliger Unsinn. "Warum sollte man einen kletternden, schwimmenden und laufenden Roboter mit unserem Verstand bauen wollen, wo es uns doch schon gibt?"

Mit wenigen gezielten Argumenten zerstört Lem alle Hoffnungen auf zukünftige, mit Künstlicher Intelligenz ausgestattete Weisheitslehrer: "Der reine Geist in einem humanoiden Roboter ist und bleibt ein Hirngespinst." Allein die neurologischen Rückmeldungen aus der menschlichen Haut und dem Muskelsystem seien so vielfältig, dass es niemals möglich sein werde, diese nachzubilden. Und selbstverständlich drohe der Menschheit auch kein Aufstand der Roboter, mit der uns (schlechte) Science-Fiction-Literaten so oft ängstigen. Was uns eher bevorstehe, sei ein "blutloser Konflikt", weil die "Früchte unseres eigenen Verstands die arbeitenden Menschen überflüssig machen".

In Lems wohl bekanntestem Roman Solaris findet sich der prophetische Satz: "Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel." Der Spiegel, den Stanislaw Lem den heutigen Menschen vorhält, ist der einer radikalen Selbstkritik und einer strengen Selbstzensur. Der "optimistische Pessimist" Lem, wie er sich selbst nennt, unternimmt seinen täglichen Parforceritt durch die Stapel naturwissenschaftlicher Magazine wie Scientific American , American Scientist, New Scientist , Science et vie und das russische Wissenschaftsmagazin Priroda auch deshalb, weil er nach wie vor Lösungen sucht. "Weiterhin verschlinge ich Unmengen an wissenschaftlicher Literatur, nur muss ich leider, wie eine müde Kuh, diese immer wiederkäuen, um noch gescheite Milch zu geben."

Der Mensch...
Stanislaw Lem, Jahrgang 1921, studierte Medizin und beschäftigte sich mit Physik, Kybernetik, Mathematik und Philosophie. Er gründete die polnische Astronautische Gesellschaft und arbeitete als Assistent für angewandte Psychologie. Er war als Übersetzer, Autoschlosser und Monteur tätig, bevor er mit seinen Science-Fiction-Romanen weltberühmt wurde. Heute lebt er mit seiner Frau Barbara, einer Radiologin, in der Nähe von Krakau.

... und seine Idee
In vielen seiner Bücher hat Lem künftige Entwicklungen wie die Gentechnik, die Nanotechnologie oder den bargeldlosen Zahlungsverkehr vorhergesagt. Doch mittlerweile ist der erfolgreiche Science-Fiction-Autor zu einem entschiedenen Kritiker seiner Zunft geworden. Statt über technische "Wahnideen" schreibt er heute lieber über die alltäglichen Probleme des Fortschritts und über den Umgang mit der kaum zu bändigenden modernen Wissensflut.