Technik Visionär ohne IllusionenSeite 3/3
Mit wenigen gezielten Argumenten zerstört Lem alle Hoffnungen auf zukünftige, mit Künstlicher Intelligenz ausgestattete Weisheitslehrer: »Der reine Geist in einem humanoiden Roboter ist und bleibt ein Hirngespinst.« Allein die neurologischen Rückmeldungen aus der menschlichen Haut und dem Muskelsystem seien so vielfältig, dass es niemals möglich sein werde, diese nachzubilden. Und selbstverständlich drohe der Menschheit auch kein Aufstand der Roboter, mit der uns (schlechte) Science-Fiction-Literaten so oft ängstigen. Was uns eher bevorstehe, sei ein »blutloser Konflikt«, weil die »Früchte unseres eigenen Verstands die arbeitenden Menschen überflüssig machen«.
In Lems wohl bekanntestem Roman
Solaris
findet sich der prophetische Satz:
»Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel.« Der Spiegel, den Stanislaw Lem den heutigen Menschen vorhält, ist der einer radikalen Selbstkritik und einer strengen Selbstzensur. Der »optimistische Pessimist« Lem, wie er sich selbst nennt, unternimmt seinen täglichen Parforceritt durch die Stapel naturwissenschaftlicher Magazine wie
Scientific American
,
American Scientist,
New Scientist
,
Science et vie
und das russische Wissenschaftsmagazin
Priroda
auch deshalb, weil er nach wie vor Lösungen sucht. »Weiterhin verschlinge ich Unmengen an wissenschaftlicher Literatur, nur muss ich leider, wie eine müde Kuh, diese immer wiederkäuen, um noch gescheite Milch zu geben.«
Der Mensch...
Stanislaw Lem, Jahrgang 1921, studierte Medizin und beschäftigte sich
mit Physik, Kybernetik, Mathematik und Philosophie. Er gründete die
polnische Astronautische Gesellschaft und arbeitete als Assistent für
angewandte Psychologie. Er war als Übersetzer, Autoschlosser und
Monteur tätig, bevor er mit seinen Science-Fiction-Romanen weltberühmt
wurde. Heute lebt er mit seiner Frau Barbara, einer Radiologin, in der
Nähe von Krakau.
... und seine Idee
In vielen seiner Bücher hat Lem künftige Entwicklungen wie die
Gentechnik, die Nanotechnologie oder den bargeldlosen Zahlungsverkehr
vorhergesagt. Doch mittlerweile ist der erfolgreiche
Science-Fiction-Autor zu einem entschiedenen Kritiker seiner Zunft
geworden. Statt über technische »Wahnideen« schreibt er heute lieber
über die alltäglichen Probleme des Fortschritts und über den Umgang mit
der kaum zu bändigenden modernen Wissensflut.
- Datum 28.07.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.07.2005 Nr.31
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