tanzDas Abseits als sicherer Ort

Abgebrannt und dreimal wieder auferstanden: Die Fabrik Potsdam produziert das couragierteste Tanztheater der Republik von 

Die Krise des Wohlfahrtsstaates ist im Tanztheater längst durchlitten und zu Ende interpretiert. Wer das Ensemblesterben miterlebt hat, das noch zu Zeiten der New Economy begann, wer die Durchhaltestrategien kennt, mit denen sich selbst namhafte Choreografen über Wasser halten, der weiß: Die politische Forderung nach einer kreativen Verwaltung des Mangels wurde ja einzig von den Politikern noch nicht erfüllt. Viele Künstler hingegen, besonders die "freien Gruppen", ernähren sich klaglos vom Gnadenbrot und empfinden den Tanz auf schwankender Bühne mittlerweile als normal.

Für diesen Dauernotstand hat die Fabrik Potsdam jetzt ein kongeniales Bild gefunden: Da deckt ein Liebespaar einen Tisch, der zwei normale und zwei zu kurze Beine hat. Allein kann das groteske Möbel nicht stehen, deshalb halten die Protagonisten es unauffällig im Lot. Wenn die Frau das Geschirr holt, stützt der Mann den Tisch, wenn sie zurückkommt, rennt er los – es ist ein fliegender Wechsel, der mit täuschender Leichtigkeit getanzt wird, sodass wir den Fehler im System beinahe übersehen: Die Liebenden haben keine Hand frei, einander zu umarmen, keine Chance, die Krisenbewältigungsroutine für einen Moment zu unterbrechen. Do you want to die with me heißt dieses Stück nach Briefen Heinrich von Kleists. Es handelt nicht nur von der Unmöglichkeit der Liebe, nicht nur vom Alltag als Fehlkonstruktion, sondern auch vom selbstmörderischen Kampf des Künstlers um seinen Platz in der Gesellschaft, deren Probleme er nach Art eines berufsmäßigen Sisyphos von früh bis spät wälzt.

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Mit ihrer jüngsten Produktion erweist sich die Compagnie der Fabrik Potsdam zum wiederholten Mal – nach fallen , Pandora und Screaming Popes – als eines der streitbarsten europäischen Ensembles für zeitgenössischen Tanz. Die Choreografie nimmt den Freitod Kleists, der sich 1811 gemeinsam mit Henriette Vogel am Kleinen Wannsee erschoss, zum Anlass für eine tragikomische Szenenfolge über Theorie und Praxis des Scheiterns. Ein melancholischer Mann (Sven Till) und eine unberechenbare Frau (Hiekyoung Kim) demonstrieren stolpernd, sich wieder aufrappelnd, übereinander kletternd und schließlich in einem wilden Pas de deux durch die Luft fliegend, wie schwer es ist, sich aus allfälligen Zwangslagen zu befreien und das wirklich Gewollte zu erringen. "Ich beschloss, nicht aus dem Zimmer zu gehen, bis ich einen Lebensplan gefasst hätte", heißt es im Prolog, "aber acht Tage vergingen, und ich musste doch das Zimmer unentschieden verlassen."

Der Titel Do you want to die with me beschreibt auch das Ringen der Fabrik Potsdam um eine gesicherte Existenz. Seit seiner Gründung 1990 bezog das freie Tanztheater ständig neue Domizile: erst eine leer stehende Fabrik, dann ein verlassenes Fischereihaus, dann eine heruntergekommene Reithalle und dann wieder das Fischereihaus, dessen endgültiger Umbau im kommenden Frühjahr beendet sein soll. Am Havelufer, neben dem Neubau des Hans-Otto-Theaters, soll dann ein zusätzlicher Aufführungssaal mit 199 Plätzen eröffnen, zwei kleine Tanzstudios, vier große. "Wir sind mittlerweile Experten im Verlegen von Schwingparkett", sagt die Künstlerische Leiterin Sabine Chwalisz und erzählt, wie 1993 die ursprüngliche Fabrik ausbrannte – nachdem die Treuhand Bedarf angemeldet hatte. Oder wie es 1996 am Premierenabend auf die Bühne regnete. "Da haben Wolfgang Hoffmann, Sven Till und ich kurz vor unserem Auftritt noch Folie aufs Dach getackert."

Im Nachhinein klingen solche Aufbau-Abenteuer romantisch. Im Nachhinein vergisst man, sich zu wundern, wie das kleine Team der Fabrik, das lange Zeit hauptsächlich aus den Tänzer-Choreografen Chwalisz, Hoffmann, Till bestand und heute sieben Leute zählt, jedes Jahr eine abendfüllende Produktion zustande brachte. Jedes Jahr ein internationales Tanzfestival organisierte, die wöchentlichen Kurse absolvierte, Co-Produktionen stemmte. 22353 Besucher kamen 2003. Mehr können sich die Stadt Potsdam und das Land Brandenburg für einen lumpigen Zuschuss von 255000 Euro wahrhaftig nicht wünschen. Zumal die Fabrik nebenbei auch noch Preise beim härtesten Leistungsvergleich der Off-Theater, dem Edinburgh-Fringe, abräumt. Allein für Pandora 88 gab es 2003 den Total Theatre Award, den Fringe First und den Herald Angel.

Die Grenze zwischen Selbstüberbietung und Selbstausbeutung ist bei freien Ensembles hauchdünn, und die Potsdamer Compagnie steht stellvertretend für viele schlecht besoldete Kulturarbeiter, von deren Anstrengungen heruntergewirtschaftete Orte wie das Areal Schiffbauergasse profitieren. Sie machen Industriebrachen urbar, ohne ein Bleiberecht zu erwerben. Sie sichern ihre Deutschlandpremieren durch Auslandserfolge ab. Sie bekämpfen, fernab von Schloss Sanssouci, zwischen hässlichen Wohnblöcken und ausgedienten KGB-Gebäuden, die Hartz-IV-Tristesse. "Kunst und Kultur sind ja der eigentliche Motor, um eine Gesellschaft aus der Depression herauszuholen", sagt Sabine Chwalisz. Ihr Kollege Wolfgang Hoffmann, der neuerdings das Fringe Festival in Dublin leitet, könnte als Beweis herhalten, dass Idealismus belohnt wird, dass, wer sich krumm macht, am Ende gewinnt – und dass man folglich die Künstler nicht unterstützen muss, denn wahre Genies wurschteln sich schon durch. Low-Budget-Theater als funktionierendes kulturdarwinistisches Modell! Aber warum dann, kurz vorm triumphalen Einzug ins neue Haus, ein Stück über den verzweifelten, bockigen Kleist?

Die Figuren in Do you want to die with me sind jedenfalls nicht bereit, ihre quälende Situation kampflos zu ertragen. Als das Liebespaar am gedeckten Tisch sitzt – die Ellenbogen angewinkelt, den Rücken durchgedrückt, in der Mitte die unüberwindliche Mauer aus Porzellan –, und man fürchtet schon, so könnte es für immer bleiben, lassen die beiden Tänzer ohne erkennbaren Grund plötzlich den Tisch los. Krachend stürzen die geordneten Verhältnisse in sich zusammen! Das Paar, wie triumphierend, sperrt nun den Scherbenhaufen mit rot-weiß gestreiftem Plastikband ab und beglückwünscht sich zur gelungenen Revolution…

Dem britischen Gastregisseur Andrew Dawson, der bei Merce Cunningham studiert hat und bereits Pandora für die Fabrik Company inszenierte, liefert Kleists Biografie nur den Anlass, die Krise als Zustand zu analysieren, den man nie akzeptieren darf. Wenn das Stück am Wochenende in den Berliner Sophiensälen gastiert, wird es im eher unpolitischen hauptstädtischen Tanzsommer einen kämpferischen Akzent setzen. Dawson hat eine impulsive, kantige, präzise Bewegungssprache entwickelt und eine herausfordernde Gangart, die das narzisstische Gehampel à la Xavier Le Roy oder Jan Fabre konterkariert. Er beschreibt das Leben so, wie die Verlierer des flexibilisierten Kapitalismus es erfahren: als endlose Folge absurder Kämpfe, denen man sich durch partisanenhafte Aktionen entziehen muss. Bei Dawson erscheint das Tanztheater als die wahrhaft zeitgemäße Form der Systemkritik. Komplexer als das Sprechtheater, radikaler als die Philosophie.

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  • Schlagworte Pandora | Tanztheater | Potsdam | Brandenburg | Dublin | Wannsee
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