Am vergangenen Donnerstag wurde selbst Alan Greenspan für kurze Zeit zur Randfigur. Da hatte der amerikanische Notenbankchef gerade Zeugnis über seine Geldpolitik abgelegt. Doch Händler und Analysten an der Wall Street interessierten sich nicht für den weisen Mann, sondern für eine schwer entzifferbare Nachricht aus Peking. Der Wert der chinesischen Währung Yuan, teilte Peking mit, werde um zwei Prozent gegenüber dem Dollar angehoben – es war die erste Wechselkursänderung seit elf Jahren. Und: Künftig solle der Wert des Yuan nicht mehr fest an den Dollar gekoppelt sein, sondern an einen Korb mehrerer Währungen. Es war geheimnisvoll genug, um die Märkte für den Rest der Woche mit Rätselraten und Spekulationen in Atem zu halten.

Das Signal der chinesischen Zentralbank macht vor allem eins deutlich: China will mitspielen. Die schnell an Statur gewinnende Supermacht im Fernen Osten ist kein ökonomisches Leichtgewicht mehr. Vergangenes Jahr schon produzierte die chinesische Volkswirtschaft mehr als Kanada, die Kleinste der sieben großen Wirtschaftsmächte, G7 genannt. Wenn das stürmische Wachstum anhält, überrunden die Chinesen in diesem Jahr Italien, gegen Ende der Dekade Großbritannien, Frankreich und auch Deutschland. Da passt es, dass China nun auch in Wirtschaftsfragen sein Gewicht spüren lässt. Dass es wie in der Politik langfristig und strategisch vorgeht und seine eigenen Regeln setzt.

Heftige Diskussionen um die neue Wirtschaftsmacht China waren in den Vereinigten Staaten schon vor Monaten ausgebrochen. Erst kauften die Chinesen die PC-Fertigung des amerikanischen Computergigangen IBM auf. Im Juni wagte sich dann das staatliche chinesische Ölförderunternehmen CNOOC mit einem Übernahmeangebot für seinen amerikanischen Konkurrenten Unocal aus der Deckung. Nicht wenige sahen dies als den Start in eine Zukunft, in der die Supermacht China mit der Supermacht Amerika um die immer knappere Ressource Öl wetteifert.

In aller Vorsicht erprobt China die Risiken freier Wechselkurse

Nun fühlt sich China offenbar stark genug, um am kompliziertesten Spiel des weltweiten Kapitalismus teilzunehmen: dem Wechselkursspiel. Wie Deutschland in den fünfziger und sechziger Jahren und Japan eine Dekade später hat China sein Wachstum zunächst im Schatten des Dollar geschafft: Seine Währung war fest an den Greenback gekoppelt. Chinas Exporteure eroberten die internationalen Gütermärkte, ohne sich große Kopfschmerzen um Währungsschwankungen machen zu müssen. Doch auf Dauer hat diese Politik einen Nachteil. Wer seine Währung fest an den Dollar bindet, ist auf Gedeih und Verderb der Geldpolitik in Washington ausgeliefert – also Alan Greenspan. Es ist aber keineswegs klar, dass der richtige Zinssatz für die USA auch der richtige Zinssatz für China ist.

Wie seine Vorbilder, Deutschland und Japan, will China jetzt allmählich zu einem selbstständigen Spieler an den Welt-Devisenmärkten werden. Der "geordnete Marsch in Richtung Flexibilität" habe begonnen, sagt Thomas Mayer, Euroland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Allerdings ist die Ankündigung vom vergangenen Donnerstag vage formuliert. Es sei das "kleinstmögliche Symbol", meint Joachim Goldberg von Cognitrend, einer Firma, die ihre Erkenntnisse über die Stimmung am Devisenmarkt großen Investoren und Zentralbanken verkauft.

Bisher ist nicht mal offiziell bekannt, welche Währungen sich in dem "Korb" befinden, nach dem die chinesische Notenbank künftig ihre Kurse bestimmen will. Ein genaueres Bild darüber werden Devisenhändler wohl erst in mehreren Wochen erhalten, wenn sie das neue System in Aktion beobachten können. Ganz ungewöhnlich ist ein solches Arrangement freilich nicht. Mehr als 60 Länder halten undurchsichtige "Körbe" für die beste Chance, Spekulationen am Welt-Finanzmarkt einzudämmen.

Gleichzeitig wird die People’s Bank of China, Chinas Notenbank, Tag für Tag weiter am Markt eingreifen, also Devisen einkaufen und verkaufen, um die Schwankungen des Yuan zu begrenzen. Es ist schon bekannt, dass sich der Yuan höchstens um 0,3 Prozent gegenüber dem Dollar verteuern oder verbilligen darf. Auch die strikten chinesischen Kapitalverkehrskontrollen bleiben. Von wirklicher Wechselkursflexibilität wird also noch lange keine Rede sein können. Wirklich frei schwankende Währungen wie der Dollar, der Euro oder das britische Pfund sind ohnehin die große Ausnahme.