Ausbildung Bitterer Herbst

169.000 Jugendliche haben noch keine Lehrstelle. Viele von ihnen werden auch keine finden - selbst wenn das Lehrgeld auf 300 Euro sinkt. Denn immer weniger Betriebe wollen ausbilden

Acht Wochen noch können 169.000 Jugendliche auf eine Lehrstelle hoffen. Dann beginnt das neue Ausbildungsjahr. Bislang weiß niemand, wie viele von ihnen am Ende leer ausgehen werden. Aber leider ist zu befürchten, dass der Negativrekord des vergangenen Jahrs überboten wird. Damals waren es 35.000 Bewerber ohne Angebot, dazu 46.000 Jugendliche, die notgedrungen weiter zur Schule gingen oder jobbten. Insgesamt fehlten also 81.000 Ausbildungsplätze. In diesem Jahr sollen es noch einmal 9,3 Prozent weniger Lehrstellen werden, hat der Deutsche Gewerkschaftsbund errechnet.

„Der ganz normale Wahnsinn“, sagt Klaus Trolsch vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Trolsch verwaltet die Zahlen des Mangels. 2005 werden noch mehr Jugendliche als im Vorjahr die Schule abschließen. Sie alle wollen eine Ausbildung. Und das ist erst der Anfang. Denn bundesweit schieben die Arbeitsämter seit Jahren eine Bugwelle nicht vermittelter Schulabgänger vor sich her. Die werden in berufsvorbereitenden Maßnahmen wie zum Beispiel Praktika geparkt und drängen anschließend wieder zurück auf den Ausbildungsmarkt. „Latente Nachfrage“ nennt man dieses Phänomen im BIBB. Mit einem neuen Ausbildungspakt ist ihm kaum beizukommen. Einzig die neue Regelung, dass auch Berufsfachschulen kammergeprüft ausbilden dürfen, könnte einigen Jugendlichen weiterhelfen, sagt Trolsch.

Unterdessen preschte Günter Lambertz vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag  mit der Idee vor, „mehr Ausbildungsplätze durch weniger Geld“ könnte die Lösung sein. Im Norddeutschen Rundfunk schlug er vor, „drei aus zwei“ zu machen und es Betrieben zu erlauben, aus zweimal 500 bis 750 Euro durchschnittlichen Lehrlingslohns dreimal 330 oder 500 Euro zu machen. Schließlich bekämen Jugendliche, die vom Staat in außerbetrieblichen Ausbildungzentren beschäftigt würden, nicht einmal 300 Euro.

Das stimmt, und auch, dass schon jeder neunte Ausbildungsplatz staatlich finanziert wird. Allerdings sinkt ausgerechnet dort, wo EU, Bund und Länder ausbildende Unternehmen am stärksten fördern - die Kosten je Lehrstelle also vergleichsweise gering sind - die Quote der betrieblichen Ausbildung. Das gilt vor allem für Ostdeutschland. In einigen Regionen Mecklenburg-Vorpommerns findet beispielsweise nur noch jeder zweite Jugendliche eine Lehrstelle in einem Unternehmen. Den übrigen bleibt nur die außerbetriebliche Ausbildung.

Am Geld alleine liegt es also nicht, zumal die Kosten für eine Lehrstelle ohnehin recht niedrig sind. Das BIBB errechnete beispielsweise , dass sich die gesamten Nettokosten für einen Auszubildenen bei einer dreijährigen Lehrzeit auf durchschnittlich 7.344 Euro belaufen. Dafür spart der ausbildende Betrieb 5.765 Euro. Die nämlich würde es ihn kosten, eine Fachkraft zu suchen. Außerdem ist der eigene Lehrling zum Schluss gut eingearbeitet und die Gefahr, den Falschen ausgewählt zu haben, vergleichsweise gering.

Dennoch ziehen sich immer mehr Betriebe aus der Ausbildung zurück, trotz der düsteren Prognose, dass der deutschen Wirtschaft 2015 bis zu 3,5 Millionen Fachkräfte fehlen könnten. In Ostdeutschland kommen schon 2006 die geburtenschwachen Nachwendejahrgänge ins Ausbildungsalter. Bereits in drei Jahren könnten zu wenig qualifizierte Mitarbeiter bereitstehen, schätzt das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle.

Doch im Wahlkampf ist offenbar kein Raum für solche Fragen. Nicht einmal die Linken in der SPD oder die Linkspartei beleben ihr Lieblingsthema vom vergangenen Sommer wieder: die Ausbildungsplatzabgabe. Dabei erzeugte diese Debatte immerhin soviel politischen Druck, dass die Wirtschaft sich dazu verpflichtete, 30.000 neue Lehrstellen und 25.000 Praktika bereitzustellen. Gereicht hat das zwar nicht. Aber wenigstens entspannte sich der Ausbildungsmarkt etwas.

Heute ist von Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement nur zu hören, es gebe noch „erhebliche Spielräume“. Und der Finanzvorstand der Bundesagentur für Arbeit, Raimund Becker, sagt: „Die Lücke wird kleiner werden.“ Was am Ende für viele Lehrstellensucher nur heißt: Genießt den Sommer. Der Herbst wird bitter.

 
Leser-Kommentare
    • dehne
    • 02.08.2005 um 19:57 Uhr

    Bundeskanzler Schröder hatte der angekündigt, genau an dieser Zahl gemessen zu werden. Er hat es nicht geschafft die Zahl der fehlenden Lehrstellen signifikant zu senken. Die Nachricht wird Öl im Feuer der Schwarz-gelben Wahlkampfstrategie werden.
    Merkel und Co. werden aber aufpassen, dass Sie nicht zum Märchenonkel der Nation werden, in dem sie ähnliche Prognosen wagen.

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