Jetzt schauen sie uns wieder an, die großen traurigen Kinderaugen. In der Tagesschau, bei Wurst und Bier, sehen wir, wie sie hungern, dort unten in Niger, irgendwo in Afrika. Wir sehen die pergamentdünne Haut und die aufgedunsenen Bäuche. Wir starren in die vergreisten Gesichter der Säuglinge und auf ihre Storchenbeinchen. Wir beobachten in Echtzeit, wie sie sterben. Furchtbar, sagen wir, die ewige Tragödie, das unendliche Leid Afrikas. Eigentlich würden wir lieber umschalten, damit wir nicht mehr hinschauen müssen. Denn wir fühlen uns irgendwie schuldig. Weil es uns trotz Hartz IV im Vergleich zu diesem Elend ganz gut geht. Weil der reiche Teil der Welt mehr für Hundefutter ausgibt als für Hungerhilfe. Weil die Rettungsmaschinerie erst jetzt, da es für viele Menschen zu spät ist, anläuft.

Dabei war die Hungersnot im Niger vorhersehbar, man hätte sie ganz leicht verhindern können. Sie folgte der Dramaturgie biblischer Plagen. Im August 2004 fällt viel zu wenig Regen. Dann fressen Myriaden von Heuschrecken die dürftigen Felder kahl. Die Folge: eine Missernte im Oktober. Im November dann der erste Appell der Vereinten Nationen, im Januar 2005 läuft das Hilfsprogramm an. Im März bitten die UN wieder um Spenden, und noch einmal im Mai. Aber bis zum Juni geht keine einzige nennenswerte Zusage ein. Die Regierung in Niamey bagatellisiert die katastrophale Versorgungslage. Von den Hilforganisationen ist nicht viel zu hören, und auch die Entwicklungspolitiker im Norden schweigen. Der Hunger ist still, die Not bleibt unsichtbar, also existiert sie nicht.

Und so kommt es Anfang Juli auf dem G8-Gipfel in Schottland zu der absurden Situation, dass die Chefs der reichsten Staaten einen Sanierungsplan für Afrika ankündigen und darüber die Misere der Afrikaner vergessen. Sie erlassen Niger die Schulden, aber dass dort gerade Menschen verhungern, interessiert niemanden. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Mamadou Tandja, der Präsident von Niger, ein paar Wochen zuvor bei US-Präsident George W. Bush zu Gast war. Aber dieses Land in der glutheißen Sahelzone geriet vermutlich nur deshalb auf den Radarschirm Washingtons, weil es verdächtigt wurde, Uran an Saddam Hussein zu liefern – das war eine der Propagandalügen zur Vorbereitung des Irak-Krieges. Es ist allemal einfacher, mit großem G8-Tamtam ein paar Almosen zu versprechen, als zur Tat zu schreiten.

Noch einfacher ist es, wenn man sich wie Bob Geldof einbildet, ein paar alte Männer mit Gitarren könnten durch ein globales Life-8-Konzert einen moribunden Kontinent retten. In einem solchen Zirkus bleibt Afrika ein sternenfernes Abstraktum, eine Projektionsfläche für Gutmenschen. Jetzt, wo es um ein konkretes Desaster geht, um den Hunger in Niger, sind die Gitarren verstummt. Jetzt ist nur noch das Wimmern der Hungerkinder zu hören. Die Moral von der Geschichte: Eine Not wird erst zu einer solchen, wenn der CNN-Effekt einsetzt, wenn die Weltpresse im Krisengebiet landet und die traurigen Szenen im Wettlauf um Einschaltquoten und Auflagen als globale Katastrophenshow vermarktet.

Was lehrt uns das? Nichts. Denn alle Tatsachen sind bekannt, alle Instrumente der Vorbeugung vorhanden. Es gibt ein Frühwarnsystem der UN, man könnte, wenn man wollte, rechtzeitig und schnell reagieren. Unumstritten ist auch, dass langfristige Programme für die Ernährungssicherung und eine effiziente Krisenvorsorge viel billiger wären als aufwändige Nothilfeoperationen. Aber die Gleichgültigkeit ist stärker, und am Ende bleibt nur eine Mobilisierungsmacht: die Bilder von den sterbenden Kindern. Sie erzeugen öffentlichen Druck, der wiederum die Politik zum Handeln zwingt.

"Schaffen Sie mir diese gottverdammten Niggerbabys vom Fernsehschirm!", schrie Lyndon B. Johnson einst seinen PR-Mann an. 1968 war das, der US-Präsident war gerade damit beschäftigt, Vietnam in die Steinzeit zurückzubombardieren, während in Biafra eine Million Menschen verhungerten. Es gibt eben wichtigere geopolitische Probleme als eine Hungersnot in Afrika. Das ist heute noch genau so, das wird so bleiben.