Es ist erst wenige Wochen her, da versprachen die Parteien uns einen ehrlichen Wahlkampf, Klarheit und Wahrheit. Aus dem Vorsatz scheint nicht viel zu werden. Die Medien diskutieren Auswege aus der Krise – auch die ZEIT greift in einer neuen Serie (Was soll ich wählen?, Seite 3) bis zum 18. September Woche für Woche eines der großen Themen der deutschen Politik auf. Die Parteien indessen ducken sich weg, sobald die klare Ansage konkret und damit unbequem wird. Wer auf Mehrheit aus ist, lässt die Wahrheit lieber im Schrank.

Da kann es niemanden verwundern, dass die Deutschen ihren Politikern nicht trauen. Eine Gallup-Umfrage förderte zutage, dass 76 Prozent die Volksvertreter für unehrlich halten. Angela Merkel mag wieder und wieder beteuern, sie stehe für eine Politik ohne Lüge – dass sie die Probleme löst, an denen Gerhard Schröder gescheitert ist, trauen ihr drei Viertel der Wähler nicht zu.

Nun gibt es durchaus Gründe für diese alles durchdringende Missstimmung gegenüber unserer politischen Klasse. Es fehlen dem Bundestag die mitreißenden rednerischen Talente, die das Volk in den frühen Jahren der Republik in ihren Bann schlugen. Die Fachleute führen das große Wort, und sie reden unbegreiflichen Jargon – als ob aberwitzige Begriffe wie Hartz IV, Alg II oder Kopfpauschale die Wählerschaft erreichen, geschweige denn begeistern könnten. Und der moralische Ernst der Politiker verschwindet zu oft hinter alles überwuchernder Taktik und billiger Polemik. Im Gehäuse der Macht nistet bekömmliche Schläue; nicht mutige, stetige Festigkeit im Grundsätzlichen.

Doch muss die Gegenfrage erlaubt sein: Will das Volk die Wahrheit hören? Stellt es sich nicht blind und taub gegenüber den Herausforderungen der Zukunft, sobald es an die eigenen Belange, die eigene Börse, die eigene Bequemlichkeit geht – und zwingt die Politiker damit immer wieder zum Zurückpflocken? Bei der Opposition wie in der noch regierenden Koalition ist das Retraite-Signal nicht zu überhören.

Aus der Zivilgesellschaft kommen kaum Impulse zum Wandel. Sie ist zersplittert in vielfältige Interessengruppen, eigensüchtige Lobbys, denen der partikulare Vorteil über das Gemeinwohl geht. Die Schriftsteller, die Intellektuellen – vor einer Generation noch Hefe im Teig unseres politischen Lebens – sind verstummt. Unter den Hochschullehrern gibt es nur noch wenige, die das Unterholz des Spezialistentums überragen und uns den Blick öffnen für das große Ganze.

Im Fernsehen, das einst die politische Schulungsstätte, die Agora der Nation war, ist Politik weithin zur Dampfplauderei verkommen. Aber auch die Presse tut sich schwer. "Kampfpresse" – das war einmal, als es noch um Ostpolitik, Pershing-Raketen und Kriegsängste ging.