Kein Politiker kann sagen, er hätte nichts gewusst vom Unwetter, das sich über der staatlichen Rente zusammenbraut. Lange bevor Helmut Kohl die Ostdeutschen sorglos ins Alterssystem aufnahm und es damit belastete, hatte sein Parteifreund Kurt Biedenkopf die Deutschen mit der Idee einer Grundrente konfrontiert. Das Argument: Weil die Kinder ausbleiben und deshalb immer weniger Beitragszahler für einen Rentner aufkommen, wird die beitragsbezogene Rente in 30 Jahren die Arbeitseinkommen auffressen; deshalb muss die staatliche Rente zur Grundsicherung schrumpfen. Die würde kaum höher sein als die Sozialhilfe und durch allgemeine Steuern oder Beiträge aller Bürger finanziert. Wer mehr will, muss dann privat vorsorgen.

Für das Land mit den weltweit höchsten Sozialbeiträgen wirkt diese Idee wie ein Befreiungsschlag. Denn die Rente macht heute schon fast die Hälfte aller Sozialversicherungsbeiträge aus. Ungerecht muss der Vorschlag auch nicht sein. In der Schweiz kommen alle Bürger nach Maßgabe ihrer Einkommen für die Grundrente auf, und weil das System keine Bemessungsgrenze kennt, zahlt der Millionär, anders als in Deutschland, besonders viel.

Einen Nachteil kann man in der Schweiz aber auch besichtigen: Wer nicht privat vorgesorgt hat und nur wenige Beitragsjahre in der Volksversicherung vorweisen kann, droht im Alter zu verarmen – ein Phänomen, das hierzulande zurzeit noch selten ist. Und wie akzeptabel wäre eine Grundrente für die Deutschen überhaupt? Heute folgt unsere Rente der Idee: Wer lange eingezahlt und viel geleistet hat im Arbeitsleben, soll auch viel herausbekommen. Dass sich die Solidarität in Grenzen hält, hat zur Akzeptanz des Rentensystems im Nachkriegsdeutschland beigetragen – auch wenn Gegner das dahinter stehende Denken als Leistungsideologie brandmarken. Das größte Problem einer Grundrente ist ein ganz praktisches: Wie kommen wir dahin? Heutige Beitragszahler genießen für ihren Tribut Eigentumsschutz. Der Übergang würde mindestens eine Generation dauern, und die Jungen von heute müssten doppelt bezahlen – einerseits für die Ansprüche ihrer Eltern, andererseits für die dann notwendige private Vorsorge. Unklar ist, wie hoch die Renten in dieser Übergangszeit wirklich ausfallen müssten, solange die Großverdiener nach der alten Logik mehr erhalten als die Kleinverdiener. Klar ist, dass Abwarten den Wechsel weiter erschweren wird.

Den Problemen zum Trotz haben fast alle Parteien schon mit der Grundrente geliebäugelt. Ein Argument: Das heutige System bewege sich ohnedies in Richtung einer unfreiwilligen Grundsicherung. Immer wieder haben erst Schwarz-Gelb und dann Rot-Grün an den Altersbezügen genagt, jüngst etwa dadurch, dass Rentner nun statt des halben den vollen Satz für die Pflegeversicherung abführen müssen. Längst sind Steuern und Abgaben vor allem für die Bezieher von Zusatzrenten gestiegen. Drastischer ist der rot-grüne Nachhaltigkeitsfaktor, der die Rente in den nächsten Jahrzehnten deckeln soll und gemeinsam mit neuen Steuern auf unter 50 Prozent der Nettolöhne drücken könnte. Ein Durchschnittsverdiener müsste Schätzungen zufolge dann mehr als 35 Jahre einzahlen, damit seine Rente die Höhe der Sozialhilfe erreicht. Nicht mehr als eine Grundsicherung eben.