Die Sicherung der Rente, die Organisation einer angemessenen finanziellen Versorgung der Bürger im Alter, gehört zu den kompliziertesten politischen Problemen. Eine einfache, elegante und zugleich dauerhafte Lösung dafür gibt es nicht. Das mag Leute enttäuschen, die immer hoffen, Probleme könnten auf Knopfdruck beseitigt werden, wenn Politiker nur entschlossen genug handelten.

Die sozialliberale Regierung unter meiner Führung geriet durch die Unwägbarkeiten der aktuellen Einflüsse auf die Rentenversicherung in den Jahren 1976 und 1977 in eine schwere Krise. Man warf uns eine "Rentenlüge" vor. Warum? Weil wir uns – unvernünftigerweise, muss man heute sagen – bei den Rentenerhöhungen, die wir damals für finanzierbar hielten und in der Tat versprochen hatten, auf die damals üblichen 15-Jahre-Vorausberechnungen verlassen hatten. Das waren Prognosen, die so komplexe Dinge umfassten wie die Altersentwicklung der Bevölkerung, das Verrentungsalter, die Beschäftigung und davon abhängig die Zahl der Beitragszahler, die Lohnentwicklung und davon abhängig die Beitragsleistungen, den Zustand der öffentlichen Finanzen. Wir mussten feststellen, dass diese Voraussagen uns in die Irre geführt hatten, weil sie die negativen Einflüsse der von Opec ausgelösten Weltrezession nicht ausreichend berücksichtigt hatten.

Auch heute sind alle diese Faktoren variabel. Deshalb würde ich sagen, dass es in der Alterssicherung keine "Lösung" gibt, die länger als fünf Jahre unverändert bleiben kann. Ich fürchte, auch ich habe mich damals zu sehr an der vierjährigen Wahlperiode orientiert und zu wenig an den aktuellen Entwicklungen.

In Deutschland haben wir alle miteinander unser demografisches Problem zu spät verstanden. Eigentlich wäre seit Anfang der sechziger Jahre erkennbar gewesen, dass die Kinderzahl pro Frau in beängstigendem Maße sank; aber der Geburtenrückgang wurde zunächst durch eine wachsende Bevölkerung überdeckt. Denn es gab Gastarbeiter, Asylbewerber, Aussiedler, es gab ja genug Menschen – nur wurde dabei übersehen, wie die Gesellschaft alterte, wie sich das Zahlenverhältnis von jungen, arbeitsfähigen Leuten zu Ruheständlern entwickelte. Heute können wir stolz sein auf unsere großartige Gesundheitsvorsorge, auf unsere lange Lebenserwartung – aber bei sinkender Geburtenrate und steigender Lebenserwartung wird die finanzielle Last für die Erwerbstätigen immer schwerer.

Heute finanzieren 34 Millionen Erwerbstätige die gesetzlichen Renten für 19 Millionen Rentner. Das ist ein Verhältnis von 1,8 zu 1; dazu kommt aber der Zuschuss aus der Steuerkasse, er macht mehr als ein Drittel der ausgezahlten Renten aus. Man kann sich vorstellen, wann ein Beschäftigter für einen Rentner wird aufkommen müssen.

Viele Rentner sind überzeugt davon, dass sie Beiträge in die Rentenversicherung eingezahlt haben, die ausreichen würden, um ihren Lebensunterhalt im Alter zu bestreiten – wenn ihnen nun nicht ungerechterweise etwas von dem Äquivalent dieser Beiträge weggenommen würde. Sie wissen nicht, dass ihre Beiträge längst für die Renten ihrer Eltern und Großeltern verbraucht sind. Aber so funktioniert der Generationenvertrag: Aus dem, was die arbeitende Generation erwirtschaftet, werden die Alten versorgt. Ob aber die Versorgung über Versicherungsbeiträge finanziert wird, über Steuern oder private Vorsorge (zum Beispiel durch Aktien und Anleihen): In allen Fällen fließt die Altersversorgung Rente aus dem gleichzeitig erarbeiteten Volkseinkommen. Das müssen sich auch die Verfechter der privaten Altersvorsorge klar machen: Sie liefern sich dem Auf und Ab der Kapitalmärkte aus. Sie sind also letztlich wie alle Rentenversicherten davon abhängig, dass es genug Menschen gibt, die arbeiten, konsumieren und Mehrwert erwirtschaften.

Die wichtigsten Ursachen der heutigen Rentenprobleme sind die Arbeitslosigkeit und der Kindermangel. Ich habe keine große Hoffnung, dass sich an der Kinderlosigkeit der Deutschen auf absehbare Zeit viel ändern lässt. Für die Verbesserung der Arbeitsmarktsituation sehe ich leider nur recht harte Antworten: Wir müssen die Löhne freigeben; gegenwärtig leisten wir uns ein Lohnniveau, das oft höher ist, als unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit ertragen kann. Arbeit wäre vorhanden, zum Beispiel in privaten Haushalten oder in vielerlei Dienstleistungen. Doch natürlich möchte kein Beschäftigter etwas von niedrigeren Löhnen wissen. Auf keinen Fall aber dürfen die Lohnnebenkosten noch weiter steigen, deshalb dürfen die Beiträge zur Rentenversicherung nicht weiter erhöht werden. Für die Rentner von morgen bedeutet dies, dass sie entweder weniger Rente bekommen oder länger arbeiten müssen, bis 67 zum Beispiel. Solange wir aber mit der Massenarbeitslosigkeit leben, hilft eine längere Lebensarbeitszeit uns nicht; denn dann würden junge Leute nicht genügend Arbeitsplätze finden.

Die größte Sünde in Bezug auf die Rentenversicherung war die in den achtziger Jahren begonnene Mode, Hunderttausende von Arbeitnehmern mit 60 Jahren in den Ruhestand zu schicken. Diese Praxis war gesetzlich zulässig, sie war gut für die Arbeitnehmer – aber sie war für die Finanzierung der Renten eine schwerwiegende Belastung.