"Kein Fleckchen der Erde gehört uns." So beginnt ein flammender Aufruf aus dem Jahr 1897, der Gründerzeit der Naturfreunde. "Das Haus, in dem wir wohnen, die Werkstatt, in der wir fronen, gehört anderen. Die Fluren, durch die wir wandern, eignen nicht uns. Der Baum, unter dem wir rasten, der Wald, der mit harziger Luft unsere Lungen stärkt, alles, alles betrachtet uns als fremd." Der bittere Ton der "Enterbten" verbindet sich nahtlos mit proletarischem Klassenstolz: "Wir lieben die Erde mehr als alle! Mehr als ihr! Denn wir sind ihre getreuesten Kinder. Ihr besitzt und benützt sie, wir aber bebauen sie. Ihr beherrscht sie, wir aber erneuern und verschönern sie." Darum, so folgert der Autor Karl Renner, der Mitbegründer der Naturfreunde und spätere (zweimalige) Staatskanzler und Bundespräsident Österreichs, "ist die allmächtige Natur mit uns und nicht mit euch."

Das Amalgam aus sozialrevolutionärem Pathos und Naturfrömmigkeit ist typisch für die erste Generation der Naturfreunde. Auf die Frage, welche Gedanken ihn geleitet hätten, antwortete Georg Schmiedl, ein Volksschullehrer, der den Urverband 1895 in Wien gegründet hat: "Liebe zur Natur, Bewunderung ihrer Schöpfungen, Andacht vor ihren Denkmalen und Ehrfurcht vor ihrem geheimnisvollen Walten." Mit derselben Inbrunst kämpften die ersten Naturfreunde für die Forderung der II. Internationale: acht Stunden Arbeit, acht Stunden freie Zeit, acht Stunden Schlaf! Aber sie stellten die Frage: Wozu die so hart erkämpfte Zeit nutzen? Ihre Antwort: Um sich in der Natur zu erholen und ihre Schönheit zu genießen. Um zu lernen, sie zu verstehen, für ihre "Offenbarungen" empfänglich zu werden und so sich selbst zu "veredeln".

Die Emphase der Zeilen führt uns zurück in eine Zeit, als die Roten noch grün waren, als es selbst unter Sozialisten einen Sinn dafür gab, dass der industrielle Fortschritt, das heute so viel beschworene Wachstum, eben nicht alles und die Schöpfung gefährdet ist. Dabei existierten schon damals gewisse Berührungsängste. Die austromarxistischen Parteiführer waren von den "Bergfexen" und "Naturschwärmern" in ihren Reihen zunächst nicht sonderlich erbaut und witterten Ablenkung von der sozialen Frage. Aber bald erkannte man: "Es war nicht der Hunger allein, der das Proletariat revolutionierte, sondern der Mangel an Freude."

Die Ausbeutung des Menschen und die der Natur gleichermaßen zu bekämpfen, um Mensch und Natur zu versöhnen – das allerdings könnte sich als zukunftsfähig erweisen. Denn was damals natürlich noch niemand ahnte: Die Konturen dieser rot-grünen Idee tauchten 80 Jahre später in ganz neuen Dimensionen an überraschender Stelle wieder auf, und zwar im UN-Leitbild der nachhaltigen Entwicklung. Auf den Weg gebracht haben es nicht zuletzt Politiker, die den Naturfreunden sehr nahe standen.

Statt "Berg heil!" heißt es nun "Berg frei!"

Zum Obmann wählte der junge Verband den Wiener Metallarbeiter Alois Rohrauer. Die Fotos zeigen einen stämmigen Mann in den Fünfzigern mit sonnengebräuntem, zerfurchtem Gesicht, gewelltem Haar und Rauschebart. Aufgewachsen war "der Alte" in dem oberösterreichischen Gebirgsnest Spital am Pyhrn. Sein Kinderland glich wohl eher den Schauplätzen von Adalbert Stifters Bergkristall als der Szenerie von Dickens’ London. Aber in der Welt der Tagelöhner und Bergknappen herrschte dieselbe erbärmliche Armut, dieselbe seelische Grausamkeit gegen die jeweils Schwächeren. Der gelernte Sensenschmied wanderte nach Wien, fand Arbeit in einer Zahnradfabrik. Sonntags aber, so heißt es, packte er seinen Rucksack und zog hinaus auf einsame Pfade. Die freie Natur blieb sein Lebenselixier. Den Sozialismus entdeckte er erst spät.

Der Wiener Verein fasste zuerst in den Industriezentren der Donaumonarchie Fuß. Er lud zu familientaugliche Wanderungen ebenso wie zu extremen Klettertouren im Hochgebirge. Die Naturfreunde gehörten zu den Pionieren des alpinen Skisports und des Wildwasser-Kanufahrens. Ihre Abende gestalteten eigene Mandolinenorchester, Zither-Spieler und Schuplattlergruppen. Sie organisierten Vorträge über Darwins Evolutionstheorie oder den Schutz der Alpenflora. Sie beteiligten sich an Protesten gegen die Abholzung des Wienerwaldes und die energetische Nutzung der Krimmler Wasserfälle in den Hohen Tauern. "Berg frei!" Mit diesem Gruß antworteten sie auf das althergebrachte süddeutsch-österreichische "Grüß Gott" und das spießige "Berg heil!" der Alpenvereine.

Mit ihrem Gruß signalisierten sie auch ihre Entschlossenheit, für das "unantastbare Naturrecht" auf freien Zugang zu den Berggipfeln und Seeufern zu kämpfen. Willkürliche Wegesperren durch meist adlige Großgrundbesitzer und Jagdpächter waren damals an der Tagesordnung. Das mit dem freien Zugang heraufziehende ökologische Dilemma erkannten die Naturfreunde durchaus: Eine ungehemmte touristische Erschließung der Landschaft würde diese auf Dauer zerstören. Ihre Antwort war ein strenger Kodex der Selbstbeschränkung. Fahrstraßen, Seilbahnen und Luxusherbergen in den sensiblen Zonen des Hochgebirges lehnten sie ab. "Der Naturschutz ist jedem Naturfreund heilig." Zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden in rascher Folge neue Ortsvereine. Allein in den ersten Monaten des Jahres 1905 in Brixen, Sarajevo und Zürich.