saudi-arabien König Abdallahs unmögliche Mission
Sind Reformen in Saudi-Arabien möglich? Das Land leidet unter kultureller Entfremdung, Korruption und der Bedrohung durch die Islamisten. Ein Kommentar
Nach dem Tod König Fahds richten sich nun die Hoffnungen der Reformwilligen auf Saudi Arabiens neuen Herrscher Abdallah. Das ist erstaunlich. Als Fahd 1982 den Thron bestieg, galt er als Liberaler, doch in seinem Halbbruder und Thronfolger Abdallah sahen viele nur einen traditionalistischen Feind des Westens. Ein Spiel mit verteilten Rollen: Fahd war für den Fortschritt zuständig, Abdallah für islamische Werte. Das ging auch lange gut; das saudische System erfreute sich damals einiger Stabilität, die auf den engen Beziehungen zu Amerika und den gewaltigen Ölprofiten beruhte.
Mit der Stabilität ist es heute, mehr als zwanzig Jahre später, vorbei. Die Monarchie und auch die wirtschaftliche Führungsschicht des Landes hat sich vom Volk zurückgezogen. Die Ökonomie hängt fast ausschließlich vom Öl ab, die inoffizielle Arbeitslosenquote liegt bei rund 30 Prozent, das Durchschnittseinkommen sinkt seit fünfzehn Jahren – und eine populäre islamistische Bewegung, die aus der Wut und Hoffnungslosigkeit der Jugend erwächst, strebt den Sturz des königlichen Hauses an.
Vergleicht man die Hinterlassenschaft der Amtszeit Fahds mit der Leistung Scheich Zayeds, des vor neun Monaten verstorbenen Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, zeigt sich, in welchem Maß der saudische König es versäumt hat, rechtzeitig politische und wirtschaftliche Reformen einzuleiten. Der Vater der Emirate errichtete innerhalb von dreißig Jahren einen Staat, der täglich beweist, dass die Orientierung am Weltmarkt nicht notwendig dem Islam widerspricht. Die Emirate sind modern und stabil, Saudi Arabien ist beides nicht.
Doch angenommen, Abdallah wollte Reformen: Kann er sie überhaupt durchsetzen? Das ist zweifelhaft. Das saudische Königshaus ist zwar eine absolute Monarchie, doch der König Saudi-Arabiens kein absoluter Monarch, eher der Chef eines Clans, einer Familien-Oligarchie. Sein Amt besteht darin, zwischen den einflussreichsten Prinzen einen Konsens herzustellen. Mit den Brüdern des Sudeiri-Clans, zu dem Fahd gehörte, wird er es schwer haben: Der konservative Verteidigungsminister und neue Kronprinz Sultan sowie der Innenminister Prinz Naif haben sich immerhin schon vierzig Jahre lang durch ihre Opposition gegen Abdallah profiliert. Wer das Machtverhältnis innerhalb des Saud-Hauses verstehen will, braucht nur ein Blick auf den Stadtplan Riads zu werfen. Auf dem Jamama-Hügel im Westen der saudischen Hauptstadt befinden sich die Paläste von Fahd und seinen Sudeiri-Brüdern. Weitab von Jamama, im Osten von Riad, residiert König Abdallah.
Während seiner Regentschaft (Fahd erlitt 1995 einen Schlaganfalls und konnte seitdem nicht mehr regieren) setzte jedoch Abdallah ein paar Reformen in Gang. Im Jahr 2003 initiierte er den „nationalen Dialog“, mit dem sich der Herrscher wieder seinem Volk zuwenden wollte. Es existiert eine beduinische Sitte, dass auch einfache Bürger sich mit ihren Beschwernissen direkt an den König wenden dürfen; Abdallah griff sie wieder auf und empfing Bittsteller, die über die Härte des Regimes klagten. Zum ersten Mal im Königreich wurde 2005 dann sogar gewählt. Die Bürger durften aber nur die Hälfte der Kommunalparlamente frei besetzen; die Königsfamilie behielt es sich vor, die andere Hälfte selbst zu ernennen.
Diese vorsichtigen Schritte in eine demokratische Richtung sind nicht zuletzt eine Reaktion auf die zunehmende islamistische Bewegung im Land gewesen. Wie sich der neue König gegen diese Macht durchsetzen wird, ist die alles entscheidende Frage. Zwar genießt Abdallah in der Bevölkerung hohes Ansehen. Sein diskreter Lebensstil unterscheidet ihn deutlich von den anderen Prinzen, und er ist ein frommer Muslim, der den „großen Dschihad“ verfolgt – den Dschihad gegen sich selbst, also den heiligen Kampf um die Selbstvervollkommnung. Aber die Politik – und damit auch jede Reformpolitik – Abdallahs wird wohl eher das Ergebnis von Intrigen und Machtspielen im Könighaus sein als eine Antwort auf die Krisen, von denen die saudische Gesellschaft erschüttert wird. Sollte der König die dringenden Reformen jedoch vernachlässigen, könnte sein Land einen gewaltsamen Wechsel erleben. Denn der Islamismus wächst und wächst, genährt von der Korruption der Herrscher und der Agitation des rigorosen Wahhabismus – dessen Establishment vom Königshaus finanziert wird – gegen den Westen.
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- Quelle (c) ZEIT online, 03.08.2005
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