So unterschiedlich kann man Deutschland sehen. Variante eins: Die Stimmung ist schlecht. Ende Juli haben die Verbraucher die Aussichten für ihr Einkommen und die Konjunktur negativer als im Vormonat eingeschätzt, und das schon zum vierten Mal in Folge.

Variante zwei: Die Stimmung ist gut. Ende Juli ist der Ifo-Index um zweiten Mal hintereinander gestiegen; er misst die Lage und Erwartungen der Unternehmen und ist der beste Frühindikator für die deutsche Wirtschaft. Und an der Börse eilt der deutsche Aktienindex Dax von Dreijahreshoch zu Dreijahreshoch. BILD

Ganz gleich, wie man auf die deutsche Wirtschaft blickt – die Binnenwirtschaft ist unglaublich schwach, die Exporte dagegen profitieren von der wieder robusten Weltkonjunktur und der deutlich verbesserten Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Wirtschaft.

Welche Stimmung wird sich also am Ende durchsetzen? Einiges spricht für die gute Stimmung der Unternehmen: Sie kennen die Aufträge, die in Zukunft abgearbeitet werden müssen, die Verbraucher dagegen leiden unter den schlechten Bedingungen der Gegenwart, unter den geringeren Einkommen und den steigenden Preisen für Öl und Energie. Sind die Unternehmen optimistisch, investieren sie, schaffen damit Arbeitsplätze und damit auch steigende Einkommen, die wiederum in den Konsum fließen und dann für weitere Arbeitsplätze sorgen. Die Unternehmen bringen den Aufschwung zu den Menschen.

So weit die Theorie.

Doch im Jahr fünf der Stagnation weiß niemand mehr so recht, was das eigentlich ist, der Aufschwung. Es wäre das dritte Mal, dass die Konjunktur seit 2001 durchstarten sollte. Zweimal, in den Jahren 2002 und 2004, fiel die von den Exporten ausgehende Erholung so schwach aus, dass alles schon wieder vorbei war, bevor der Funken überhaupt auf die Binnenwirtschaft überspringen konnte. Diese Stagnation hat die Deutschen mutlos und mürbe gemacht. Darf man also der Theorie trauen?

Schon wieder ist es allein der Export, der den Optimismus in die Führungsetagen der Unternehmen zurückbringt. Zwar gibt es Anzeichen, dass diesmal tatsächlich alles besser wird. Aber es gibt auch die Pläne der CDU, im Fall ihres Wahlsieges die Mehrwertsteuer zu erhöhen. Und dieser Plan ist gefährlich.

Zurzeit geht es fast überall bergauf, wenngleich auch ungewöhnlich langsam: Die Ausrüstungsinvestitionen der Unternehmen steigen seit vier Quartalen. Selbst die Auftragseingänge für inländische Konsumgüter haben den achten Monat in Folge zugelegt – ein Indiz, dass auch die Konsumnachfrage allmählich anzieht. Die offenen Stellen nehmen zu, die Kurzarbeit geht zurück, genau wie der Abbau sozialversicherungspflichtiger Stellen. Inzwischen sind die deutschen Firmen schon wieder so wettbewerbsfähig geworden, dass sie ihren Konkurrenten aus den anderen Euro-Staaten Anteile am Weltmarkt abnehmen. Die seit einem Jahrzehnt andauernde Lohnzurückhaltung der Arbeiter und Angestellten zahlt sich aus. Ihre Verschuldung konnten die Firmen deutlich zurückfahren. Schon verdienen sie so prächtig, dass sie auch in dieser Kategorie den internationalen Vergleich nicht mehr zu scheuen brauchen. Sogar die Banken sind dabei und geben bereitwilliger Kredit als noch vor kurzem. Es ist die beste Konstellation seit fünf Jahren.

Auf der anderen Seite wird die finanzielle Lage der privaten Haushalte prekärer. Auch im laufenden Jahr sinkt der effektive Verdienst, machen die Löhne einen immer geringeren Teil am Volkseinkommen aus. Gleichzeitig geht der Umbau des Sozialstaates weiter, zulasten der privaten Haushaltskassen. So verwundert es nicht, dass die Bevölkerung heute nicht mehr konsumiert als vor fünf Jahren, obwohl das Bruttoinlandsprodukt in derselben Zeit um drei Prozent zugelegt hat – ein inzwischen weltweit unter Ökonomen diskutiertes einzigartiges Phänomen.