hiroshima Still ruht die Bombe
Es gibt immer mehr Kernwaffen auf der Welt. Warum fühlt sich keiner mehr bedroht?
Kaum jemand hat die welthistorisch singuläre Bedeutung der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki rascher und schärfer wahrgenommen als Günther Anders, der Schüler Husserls und Heideggers (und erste Ehemann Hannah Arendts). Seit den späten fünfziger Jahren wiederholte der Philosoph beinahe unablässig, dass die »Epoche, in der wir leben«, selbst »wenn sie ewig währen sollte, die endgültig letzte Epoche der Menschheit« sein werde. Denn die »Zeitrechnung, die mit dem Jahre ’45 begann, ist endgültig. Entweder leben wir in dieser unserer Epoche weiter, oder wir leben überhaupt nicht weiter. Tertium non datur.« Inzwischen sieht es jedoch so aus, als sei die Endzeit, die Anders beschwor, ihrerseits zu Ende gegangen.
Das Tertium ist gleichsam eingetreten. Seit 1989 werden ständig neue Epochen proklamiert: ein liberales, demokratisches Ende der Geschichte (Francis Fukuyama), ein Zeitalter der Kriege zwischen den Kulturen (Samuel Huntington), ein Zeitalter der »neuen Kriege« (Mary Kaldor), das am 11. September 2001 begonnen habe. Von Atombomben wird dagegen nur noch am Rande gesprochen, beispielsweise wenn sie, wie im Irak, gegen gewisse Erwartungen nicht entdeckt werden. Die unauffindbaren Kernwaffen Saddam Husseins könnten geradezu als Symptom gewürdigt werden: Sie indizieren auch einen Prozess des kulturellen Vergessens, der die Atombomben neuerdings zu Phantomen degradiert.
Ein Nuklearkrieg ist heute genauso plausibel wie vor zwanzig Jahren
Müsste folglich die Liste der 25 »Antiquiertheiten«, die Günther Anders im zweiten Band seiner Studien zur Antiquiertheit des Menschen präsentierte, durch eine weitere Antiquiertheit ergänzt werden – nämlich durch die Antiquiertheit der Atombomben? Die Frage wirkt leicht obszön; sie unterschlägt, dass sich im Grunde nichts geändert hat. Die nuklearen Waffenarsenale wurden auch nach dem Zusammenbruch des Ostblocks nicht signifikant verringert und neben den Kontrahenten des Kalten Kriegs haben längst mehrere Staaten ihre eigenen Atombomben produziert: Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan und Israel. Als potenzielle Atommächte galten 2002 – im Nuclear Posture Review der US-Regierung – nicht nur der Irak, sondern auch Iran, Nordkorea und Syrien.
Dagegen haben Brasilien, Argentinien, Libyen und die Schweiz ihre Atomprogramme aufgegeben; Südafrika vernichtete seine Atomwaffen kurz vor dem Ende der Apartheid. Zugleich wurde die Schwelle zum Einsatz von Atombomben durch die Entwicklung kleinerer, so genannter taktischer Kernwaffen – beispielsweise der »Mini-Nukes« – drastisch gesenkt; und die Eskalationsszenarios eines Nuklearkriegs, etwa im Nahen Osten, erscheinen heute nicht weniger plausibel und erschreckend als in den gefährlichsten Phasen des Kalten Kriegs. Dennoch erregen diese Szenarios keinen akuten Schrecken; sie bringen uns nicht um den Schlaf.
Das ist bemerkenswert. Denn seit 2002 zeigt die berühmte »Doomsday Clock« des Bulletin of the Atomic Scientists wie zuvor in den Jahren 1947, 1960, 1968 und 1980 auf sieben Minuten vor zwölf. Scheinbar beruhigende Werte wie siebzehn (1991) oder wenigstens vierzehn Minuten vor zwölf (1995) wurden längst wieder nach unten korrigiert. Aber kulturelle Wahrnehmungen folgen offenbar einem anderen Muster als die Geschichte der Realpolitik und Waffentechnologie. In einer ersten Phase der Ausprägung kultureller Imagination – während der fünfziger Jahre – wurden die Atombomben einerseits verharmlost, andererseits als Symbole der Macht und des technischen Fortschritts geradezu vergöttert.
Nach den ersten Atombombentests auf dem Bikini-Atoll (am 30. Juni 1946) wurde im Offizierskasino eine Torte mit einem Atompilz aus Zuckerguss angeschnitten; der Torte folgten bald die tasty uraniumburgers. Reisebüros in New York bewarben Kreuzfahrten in den mittleren Pazifik zur Beobachtung der Bombentests unter dem Slogan »Watching the Bombs Go Off«; und nachdem Louis Réard bereits 1946 entschieden hatte, die zweiteiligen Badeanzüge nach dem Bikini-Atoll zu benennen, porträtierte der stern am 12. März 1950 die Schauspielerin Silvana Mangano als »Italiens ›Superatombombe‹« – und vier Jahre später den Auftritt Marilyn Monroes vor den GIs in Korea unter der Schlagzeile »Atombombe auf Korea«.
Als »Sexbomben« wurden die neuen Waffen entschärft und zugleich aufgeladen. Sie sollten faszinieren, nicht erschrecken; konsequent wurden die Atombomben auch in der zivilen Aufklärung verharmlost, etwa in Anthony Rizzos Kurzfilm von 1951, in dem »Bert the Turtle« demonstriert, wie man sich bei einem feindlichen Angriff mit Nuklearwaffen richtig verhält: duck and cover. Zur selben Zeit wurden die Bomben vergöttert. Schon J. Robert Oppenheimer, so erzählt eine früh verbreitete Legende, habe bei der ersten Testexplosion in der Sierra Nevada an einige Zeilen aus der indischen Bhagawadgita gedacht, in denen das »Licht von tausend Sonnen«, aber auch der erhabene »Erschütterer der Welten« besungen wird.
Die indische Mythologie stand freilich in gewissem Kontrast zum christlichen Decknamen des Tests: Trinity, Dreifaltigkeit. In einigen Reportagen von den Bikini-Testexplosionen hieß es ein knappes Jahr später, die Atombombe erinnere an den Anfang und das Ende der Welt, im Klartext also: die schöpferischen und eschatologischen Kompetenzen Gottes. Als Indiz für solche theologischen Projektionen kann auch die Durchsetzung des Singulars gewertet werden: Selbst Kritiker wie Günther Anders sprachen stets von der Bombe, dem ontologischen »Unikum«, während die USA und die UdSSR ihre nuklearen Waffenvorräte in wachsendem Tempo vervielfachten.
Aus der Distanz von 60 Jahren erscheint es fast unglaublich, mit welcher Faszination und Frivolität die Atombomben, bereits wenige Monate nach der Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki, wahrgenommen wurden. Als wären die Nachrichten vom sekundenschnellen Massensterben (abgesehen vom qualvollen Siechtum mehrerer Generationen) viel zu spät angekommen. Mehr als zehn Jahre nach den Atombombenabwürfen erst begannen die pazifistischen Proteste. Der erste »Ostermarsch« der britischen Campaign for Nuclear Disarmament fand – mit 10000 Teilnehmern – im Jahr 1958 statt; in Norddeutschland demonstrierten 1960 knapp 1000 Anhänger der neuen Friedensbewegung.
Erst in den späten sechziger Jahren stieg die Anzahl der »Ostermarschierer«, in Zusammenhang mit der Studentenrevolte und den Protesten gegen den Vietnamkrieg, auf bis zu 300000 Menschen an. Und nach 1968 reduzierte sich das Engagement, unter dem Eindruck der militärischen Intervention des Warschauer Pakts in Prag und der deutschen Notstandsgesetzgebung, wieder erheblich. Die zweite Etappe der kulturellen Wahrnehmung der Nuklearwaffen war geprägt von Debatten um die Gefahren eines Atomkriegs, den etwa der zeitweilige Pentagon-Berater und Futurologe Herman Kahn, angebliches Vorbild für Stanley Kubricks Dr. Strangelove, als »führbar« und »gewinnbar« proklamiert hatte.
Eine dritte Etappe kultureller Wahrnehmung der Nuklearwaffen begann mit dem Nato-Doppelbeschluss am 12. Dezember 1979 und dem beinahe zeitgleichen Einmarsch der Sowjets in Afghanistan. Die Nato verknüpfte damals die Forderung nach einer beidseitigen Begrenzung der Mittelstreckenraketen mit der Drohung, in Westeuropa und insbesondere in Deutschland neue Mittelstreckenraketen zu stationieren. Der so genannte Nachrüstungsbeschluss mobilisierte nicht nur die Friedensbewegung, sondern provozierte auch eine Vielzahl apokalyptischer Fantasien über den bevorstehenden Nuklearkrieg in Mitteleuropa.
Filme wie Nicholas Meyers The Day After von 1983 verliehen den grassierenden Ängsten eine erschreckende Konkretion; die US-Propagandafilme der frühen fünfziger Jahre wurden in The Atomic Cafe (von 1982) mit schwarzem Humor durch den Kakao gezogen. Peter Sloterdijk schrieb in der »Bombenmeditation« seiner Kritik der zynischen Vernunft (1983), die Atombombe sei »der wirkliche Buddha des Westens« und müsse als »Medium der Selbsterfahrung« anerkannt werden; im selben Jahr feierte Ulrich Horstmann in einem kurzen Traktat mit dem Titel Das Untier die Hoffnung auf eine nukleare Selbstauslöschung der menschlichen Gattung als letztes Ziel »anthropofugaler« Erlösung.
»Apokalypse-Blindheit« angesichts der Overkill-Kapazitäten
Was ist seither geschehen? Warum erscheinen diese Thesen, bei aller Sympathie mit den Autoren, heute so fremdartig? Wie konnten die Atombomben – nach den Phasen der sexualisierten Faszination, des pazifistischen Protests und der Apokalyptik – aus den Horizonten kultureller Aufmerksamkeit verdrängt werden, obwohl (nach konservativer Schätzung) weltweit immer noch rund 20000 Nuklearwaffen aufbewahrt werden? Wieso bedarf es eines Gedenktags, um die präsente Drohung zahlloser Overkill-Kapazitäten überhaupt in Erinnerung zu rufen? Warum sind die Atombomben scheinbar »erkaltet« und erzeugen, ganz im Gegensatz zur Gen- und Biotechnologie, keine kulturellen Imaginationen mehr, keine Bilder, Filme oder Texte?
Der Hinweis auf das Ende des Kalten Kriegs oder auf die »neuen Kriege« – von den Balkankriegen bis zu den Terroranschlägen vom 11. September – reicht offenkundig nicht aus, weil er zusätzlich erklären müsste, wieso diese Entwicklungen nur selten mit nuklearen Eskalationsrisiken assoziiert werden. Günther Anders könnte immerhin bemerken, er habe schon 1956 die »Apokalypse-Blindheit« der Menschen analysiert: »So also ist die Situation. So beängstigend. Aber wo ist unsere Angst? Ich finde keine. Noch nicht einmal eine Angst mittlerer Größe kann ich finden. Wie ist das möglich?« – Eine Antwort auf diese Frage fehlt bis heute.
Thomas Macho ist Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin
- Datum 04.08.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 04.08.2005 Nr.32
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Als Kommunikationsfachmann empfehle ich : Eine ( sehr, sehr selten gezeigte ) BBC- Dokumentation über die Folgen eines Atomangriffs auf eine Großstadt (hier London), schlichtweg eine Sensation, brutal schockierend und ehrlich, müßte jede Woche einmal nach der Tagesschau gezeigt werden. Dann erübrigt sich der Zeit Artikel mit der klugen Frage.
Die Menschen würden sich sorgen, aufwachen. Doch Verdrängung ist mediengerecht, paßt gut in die Quoten.
Atomkrieg ist kein Medienthema, also existiert er nicht.
So einfach ist das ...oder ?
Leider wird beim ersten Kommentar zum Artikel nicht deutlich, um welche Dokumentation es sich handelt. Ich vermute, dass Peter Watkins "The War Game" gemeint sein könnte, wobei es sich hier weniger um eine Dokumentation als um einen Film im Dokumentationsstil handelt (schließlich ist Europa bisher glücklicherweise von Atom-Explosionen verschont geblieben) und nicht London sondern Kent der Ort der Handlung ist:
http://en.wikipedia.org/w...
Was einzelne Geistesgestörrte mit Atomwaffen anrichten könnten und wie buchstäblich krank die mit Atomwaffen verfolgte Strategie der "mutually assured destruction" (MAD) ist, wird auch durch Stanley Kubricks "Dr. Seltsam" sehr schön veranschaulicht:
http://en.wikipedia.org/w...
Von ehemaligen CDU-Bundespolitikern hört man öfter intelligente Äußerungen, als vom aktuellen Personal (war auch schon bei Klaus Töpfer so, der als UN-Umweltbeauftragter eher GRÜNE Positionen vertritt):
"Wenn wir die Atomwaffen nicht beseitigen, werden sie uns beseitigen. Wenn nicht heute, dann morgen."
Der frühere CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer in Zeit 32/2005
(http://www.zeit.de/politi...)
Vlado Plaga aus Dortmund
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren