Tack. Tack. Tack. Im Zwanzig-Sekunden-Rhythmus knallen die Münzen auf den Keramikteller. Zehn Cent, Zwanziger, meist Fünfziger, selten einmal ein Eurostück. Binnen drei Minuten sind zehn Besucherinnen der Bitte gefolgt, die auf einem kopierten Zettel an den Kacheln klebt: "Ständig für Sie dienstbereit, sorgen wir für hygienische Sauberkeit. Wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Service mit 0,50 Euro danken. Allzeit gute Fahrt und vielen Dank. Ihr Toilettenteam Sanitas Reinigungsservice."

Während ihre Kollegin den Boden der Damentoilette in der Raststätte Linumer Bruch an der Autobahn 24 von Hamburg nach Berlin feudelt, reguliert Marina den kleinen Zahlungsverkehr. Zu viele Münzen sollen nie auf dem Teller liegen. Mit dem Gummihandschuh greift sie immer wieder zu und lässt die Einnahme in einer Plastiktüte hinter ihrem Rücken verschwinden. Na ja, sagt die gut 50 Jahre alte Frau aus Kasachstan, ein paar Euro würden schon auch als Trinkgeld bei den Klofrauen und -männern hängen bleiben. Sie seien aber für 400 Euro fest angestellt bei Sanitas, und im Prinzip hätten sie die Einnahmen abzuliefern. Jeden Sonntag komme der Bezirksleiter und hole das Geld ab. Auf der Toilette im Linumer Bruch mögen das in normalen Zeiten durchschnittlich 2000 Euro pro Woche sein. Jetzt, in der Reisesaison, kann der Erlös auch auf das Doppelte kommen.

Einmal in der Hand des Bezirksleiters, finden die viele Kilo schweren Plastiktüten ihren Weg nach Königs Wusterhausen, einem Flecken südlich Berlins. Ein plastikgehülltes DIN-A4-Blatt weist das Tiefparterre einer Villa nahe dem Bahnhof als den Firmensitz des Sanitas Reinigungsservice aus. Das Interieur ist dem Geschäftszweck angemessen. Die Fenster sind von innen vergittert. Konservendosen voller Münzen, zwei Geldzählmaschinen, ein stattlicher Tresor. Schreib- und Konferenztisch sind in klassischer Ostblock-T-Position angeordnet und augenscheinlich wenig benutzt.

"Bei dem Toilettengeschäft handelt es sich um Lohndumping"

Hier trifft man eine aus Russland stammende Geschäftsführerin. Aber man trifft auch Semen Bronfman, der Wert darauf legt, mit der Firma Sanitas nichts zu tun zu haben. Im Toilettenreinigungsgewerbe aber hat er einen Namen. Nur sei er eben ganz daraus ausgestiegen, seit 400 Beamte von Zoll und Polizei im Oktober 2004 die Geschäftsräume und Außenstationen seiner Firma Bronfman Reinigungsservice durchsuchten. Man verdächtigte ihn der illegalen Beschäftigung und der Hinterziehung von Steuern und Sozialabgaben. Bronfman ließ bis dahin die Toiletten an rund 60 Raststätten, Tankstellen und Autohöfen sauber halten. Er verdiente gut. Die Razzia tat dem Geschäft weniger gut, Kunden sprangen ab. Die Firma Sanitas bedient derzeit noch 40 Standorte.

Das Notdurft-Business ist ein Geschäft, nun ja, im Stillen. Niemand hat wirklich einen Überblick, nicht über die Anbieter, nicht über die Umsätze, nicht über die Marktanteile. Tank & Rast, das mittlerweile privatisierte Exmonopolunternehmen für die Nebenbetriebe an Bundesautobahnen, gibt die Zahl der eigenen Standorte mit 750 an und reklamiert 45 Prozent Marktanteil, wenn man den Markt auch auf die Autohöfe abseits der Autobahnen ausdehne. Das machte über den Daumen etwa 1700 Objekte, um welche die Reinigungsfirmen hart konkurrieren. Semen Bronfman glaubt, dass es zehn bis fünfzehn Wettbewerber gebe, die größer gewesen seien als er, und mehr als hundert kleinere.

Das Geschäftsmodell ist immer gleich: Immigranten, früher eher aus Afrika, nun zunehmend aus Osteuropa, werden zu mehr oder weniger legalen Konditionen für die Toilettenreinigung angeheuert. Der Obolus, den die WC-Benutzer als Trinkgeld an die Klofrau entrichten, muss an den Arbeitgeber abgeführt werden. Die kleinen Münzen summieren sich zu satten Erträgen, wenn man nur genügend Geschäftsstellen unter Kontrolle hat.

Am ehesten noch haben Staatsanwälte und Zollfahnder einen Überblick über die Branche, die in den Medien schon als "Toilettenmafia" tituliert worden ist. Oberstaatsanwalt Benedikt Welfens in Potsdam winkt ab: "Mafiös ist das nicht. Keine Waffen, keine Gewalt, keine Erpressung." Streng genommen könne man nicht einmal von organisierter Kriminalität sprechen. Ein Geschäft sei es, bei dem die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität fließend seien. So sei rechtlich zum Beispiel strittig, ob das Toilettengeld Gebühr für eine Dienstleistung oder ein Trinkgeld sei. Im ersten Fall sei es umsatzsteuerpflichtig, im zweiten nicht.