Fachhochschulen »Wir haben die Nase weit vorn«
Vorbei ist die Zeit der Minderwertigkeitskomplexe: Fachhochschulen sind die Reformmotoren im deutschen Hochschulsystem
Dass Sandra Ritz ihren Namen einmal mit einem Doktortitel schmücken kann, hätte sie nie für möglich gehalten. Sie hat kein Abitur, und eine Universität von innen gesehen hat sie auch nicht. Dafür absolvierte die Arbeitertochter aus Worms eine Ausbildung zur Chemielaborantin, holte das Fachabitur nach und immatrikulierte sich an der Fachhochschule Mannheim für den Studiengang Biotechnologie. »Es war nie mein Ziel zu promovieren«, sagt die 31-Jährige. »Es hat sich einfach ergeben, und es tut auch nicht weh.«
Den Weg zum Doktor ebnete ihr eine bislang einzigartige Kooperation zwischen einer Universität und einer Fachhochschule. Gemeinsam öffnen die ehrwürdige Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und die junge FH Mannheim besonders qualifizierten Fachhochschulabsolventen den Zugang zu einem Graduiertenkolleg der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Hier erforscht Sandra Ritz die genetischen Ursachen der Erbkrankheit Chorea Huntington, die das Nervensystem befällt und zu Demenz und Tod führen kann. Fünf der 19 Nachwuchsforscher, die hier an ihrer Promotion arbeiten, kommen wie Ritz vom Institut für Molekularbiologie und Zellkulturtechnik der FH Mannheim.
Die Universitäten suchen die Nähe der Fachhochschulen
Kooperationen zwischen Universitäten und Fachhochschulen waren viele Jahre die Ausnahme. Vor allem die Unis schotteten sich ab. Die in den siebziger Jahren zu Zeiten der Bildungsexpansion gegründeten Fachhochschulen, die von Anfang an besonderen Wert auf eine praxisnahe Ausbildung legten, waren für sie die Kellerkinder des höheren Bildungssystems. Professoren ohne Habilitation, manche gar ohne Doktortitel, Studenten ohne Abitur, das war den Ordinarien suspekt. Doch inzwischen haben viele Fachhochschulen ihr Dünnbrettbohrer-Image abgeschüttelt und sich zu ernsthaften Konkurrenten und damit potenziellen Partnern der Universitäten entwickelt. Zur FH-Elite zählen etwa die Betriebswirte der European School of Business (ESB) in Reutlingen, die Wirtschaftsingenieure der FH Wedel, die Informatiker der FH Furtwangen oder die Mechatroniker aus Esslingen. Sie rangieren in Rankings wie dem von ZEIT und CHE (www.zeit.de/studium) regelmäßig an der Spitze und verweisen manch traditionsreiche Alma Mater auf die Plätze. Der Ansturm der Bewerber übersteigt die Zahl der Plätze schon mal um das Zehnfache. In Esslingen kommen jedes Jahr rund 4000 Bewerber auf 600 Studienplätze. Entsprechend streng ist die Auslese. »Wir sind die Ingenieurschmiede der Region. Unsere Absolventen haben null Probleme, eine Stelle zu finden«, sagt der Rektor Jürgen van der List selbstbewusst. Die mit Stellenangeboten und Praktikumsplätzen renommierter Unternehmen zugepflasterten Schwarzen Bretter sprechen eine deutliche Sprache. Die besten unter den Fachhochschulen kombinieren ihre traditionellen Stärken wie Praxisbezug, intensive Betreuung in Kleingruppen und regionale Vernetzung mit der Wirtschaft mit innovativen Konzepten von Projektarbeit und Internationalisierung. Damit können sie eine Ausbildung bieten, die einer Arbeitsplatzgarantie gleichkommt.
Die Universitäten erkennen, dass Zusammenarbeit im Zweifelsfall mehr bringt als strikte Abgrenzung und das Pochen auf Privilegien. Den Wandel erleichtert hat die Umstellung der Diplom- und Magister-Studiengänge auf die internationalen Abschlüsse Bachelor und Master. Vor sechs Jahren hatten 29 europäische Staats- und Regierungschefs in Bologna eine Erklärung zur Harmonisierung und Internationalisierung des europäischen Hochschulraumes unterzeichnet. Geplant war, in den teilnehmenden Ländern (heute sind es 45) gestufte Abschlüsse nach angelsächsischem Muster einzuführen. Hierbei folgt einem grundlegenden Bachelor ein weiterführender Magister oder Master. Die Regelstudienzeit beträgt beim Bachelor höchstens vier, beim Master bis zu zwei Jahre, wobei der Bachelor als »berufsbefähigender« Regelabschluss gilt, ein Master als Spezialisierung.
Rein rechtlich sind Fachhochschulen und Universitäten in Deutschland mittlerweile gleichgestellt. Ein FH-Bachelor berechtigt laut geltendem Hochschulrecht zu einem Master-Studium an einer Universität; umgekehrt kann ein Uni-Bachelor an einer Fachhochschule den Master-Abschluss machen. Manche Bundesländer wie Hessen gehen noch weiter. Sie ermöglichen jungen Leuten mit Fachhochschulreife ein Bachelor- und Master-Studium auch an einer Universität. Kein Wunder, dass die Fachhochschulen die Herausforderung von Bologna offensiv angehen. Sie hoffen, jetzt endgültig zu ihren Konkurrenten aufschließen zu können.
Nach der jüngsten Umfrage der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) zur Umstellung auf zweistufige Studiengänge haben die Fachhochschulen bereits 42 Prozent ihres Gesamtstudienangebots in Bachelor- und Master-Studiengänge umgewandelt, die Universitäten nur 22 Prozent. »Wir haben die Nase weit vorn«, sagt der Rektor der FH Mannheim, Dietmar von Hoyningen-Huene. Er geht davon aus, dass bereits zum nächsten Wintersemester 90 Prozent aller Studiengänge auf die internationalen Abschlüsse umgestellt sein könnten. Im Wintersemester 2006/07 solle die Umstellung abgeschlossen sein.
»Die Motivation der Fachhochschulen ist hoch«, sagt Christiane Ebel-Gabriel, Generalsekretärin der HRK. »Die Umstellung kommt ihrem Bestreben nach Gleichwertigkeit sehr entgegen.« Die Vorbehalte der Universitäten dagegen zeigt eine Befragung von 83 Fachhochschul- und 45 Universitätsdekanen des Faches Betriebswirtschaft aus dem Sommer 2004. Der flächendeckende Systemwechsel werde nur von einem Drittel der Universitätsdekane befürwortet, während die meisten Vertreter der Fachhochschulen den neuen Abschlüssen »sehr aufgeschlossen« gegenüberstünden, schreibt Studien-Autor Udo Mandler, BWL-Professor an der FH Gießen-Friedberg, in einem unveröffentlichten Aufsatz. Die Uni-Dekane befürchteten vor allem einen Qualitätsverlust ihrer bisherigen Diplomstudiengänge. Die Vertreter der Fachhochschulen sähen gleichzeitig eine Chance, »weiterführende Master-Abschlüsse anzubieten und so in den Wettbewerb mit den Universitäten einzutreten«. Die Uni-Fakultäten dagegen lehnten »Schritte zur Gleichstellung und Konvergenz der Hochschularten grundsätzlich ab«.
- Datum 26.07.2007 - 03:11 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.08.2005 Nr.32
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Ich kann und will die Leistungen einiger Fachhochschulen nicht mindern und es ist richtig, dass vielerorts hervorragende Arbeit und Ausbildung geleistet wird, die bisher wenig oder garnicht anerkannt oder honoriert wurde. Aber erstens gilt das genauso wenig für alle Fachhochschulen, wie Universitäten und insbesondere die Technischen Universitäten alle in der Leistung nachgelassen haben und es kaum noch mit den Fachhochschulen aufnehmen könnten.
Die Bedenken, dass insbesondere die universitären Diplomstudiengänge der Ingenieurwissenschaften durch die neuen Regeln abgewertet werden sind durchaus berechtigt und die Annahme, dass ein Bachelorabschluß einem Universitätsdiplom alter Prägung gleichwertig sei, ist zumindest für die Ingenieurwissenschaften völlig abwegig!
Auch wenn es bis vor einiger Zeit insbesondere an den Universitäten manchmal abenteuerlich lange Studienzeiten gegeben hat -auch ein Universtätsdiplom sollte spätestens nach 6 Jahren erreicht sein- gelten die deutschen universitären Ingenieurdiplome durchaus als Maß der Dinge und es ist keineswegs sicher, dass die neuen Strukturen ähnliche Qualitäten garantieren! Es kann auch dazu kommen, dass man ohne echte Not ein herausragendes Alleinstellungsmerkmal geopfert hat!
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