Das Leben ist für diese Heldinnen eine einzige Zumutung. Sie verlieren ihre Arbeit und fallen aus dem Alltag. Sie prostituieren sich, lassen sich misshandeln und demütigen. Sie wurden von ihren Müttern ausgesetzt, die eigenen Kinder nahm man ihnen ab. Einsam ziehen sie durch die Straßen New Yorks und suchen Anschluss an das so genannte normale Leben. Dass man Sue, Fiona und Bridget dennoch nicht als Sozialfälle wahrnimmt, hängt mit der seltsamen Präsenz ihrer Darstellerin zusammen. Anna Thomson ist Amos Kolleks einsame Muse. Ohne aufdringlich zu werden, findet seine Kamera in ihrem Gesicht alle Facetten von Trauer und Verzweiflung. Es mag paradox klingen, doch entwickelt diese Schauspielerin einen eigenartigen Glamour des Untergangs.

In Kolleks Trilogie Frauen am Rande der Gesellschaft geht es weder um Fallgeschichten noch um die Schilderung eines modernen Märtyrerinnentums. "Warum ich?" – mit dieser Frage müssen sich Kolleks Titelheldinnen gar nicht erst aufhalten. Sue, Fiona und Bridget gleiten offenen Auges in den Abgrund und erkunden, was es überhaupt heißt, jenseits des Sozialen zu leben. Somnambul wandeln sie durch alle Verletzungen und Schicksalsschläge und scheinen zugleich neben sich und der Welt zu stehen. Egal wie tief diese Heldinnen sinken, dank Anna Thomson behalten sie ihre Würde.

Was ist das für ein Geschöpf, das sonntagmorgens ganz allein in einem New Yorker Park sitzt und Kreuzworträtsel löst? Einem alten Mann zeigt die junge Frau ihre Brüste, weil er ihr ein kleines Softgetränk ausgegeben hat und weil sie ihm eine Freude machen will. Dem Anfang von Kolleks Film Sue haftet nichts Komisches oder Anrüchiges an. Eine Frau entblößt sich ganz selbstverständlich, ohne nackt zu wirken. Ihre verhaltene Art, ihr verlegenes Lächeln lassen ahnen, dass sie schon lange kein Gegenüber mehr hatte. Auch in den folgenden Szenen sehen wir Sue dabei zu, wie sie verzweifelt versucht, mit ihrer Umwelt in Kontakt zu treten, und sich wieder zurückzieht, aus Angst, zur Last zu fallen.

Sue ist die Geschichte einer arbeitslosen Frau, die aus der Mitte der Gesellschaft an die Peripherie gedrängt wird. Sonnenbrille, Mantel, Pumps und Audrey-Hepburn-Kopftuch – selbstvergessen trägt Sue noch die Zeichen ihrer früheren Existenz, obwohl sie ihr Leben zunehmend auf der Straße fristet.

Hier, in der Gosse, in den abgerissensten Gegenden von New York, kennt sich Fiona bestens aus. Als Kind wurde sie von der Mutter ausgesetzt, wuchs in Waisenhäusern oder auf der Straße auf und schlägt sich nun als Prostituierte durchs Leben. Wie ein Kommentar der eigenen Misere legt sich Thomsons Offstimme über die Bilder einer schäbigen, von zerstörten Existenzen bevölkerten Stadt. Für diese Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm sind Kollek und Thomson tatsächlich auf die Straße gegangen, haben mit Junkies, Prostituierten und in so genannten Crack-Häusern gedreht. In diesem Film ist Thomson nackter als nackt. Wenn sie sich in der Badewanne einen Schuss setzt, dann hat ihr magerer Körper eine fürchterliche Präsenz. Aber es ist eben auch der Körper einer Diva des Elends, ein Kollek-Thomson-Körper, eine Inszenierung zwischen Schmutz, Elend und der Übergröße des Kinos. Zu einer befremdlich faszinierenden Gemeinschaft haben sich hier ein Regisseur und seine Schauspielerin für die Dauer von drei Filmen verschworen.