Lehren aus der Geschichte zu ziehen gilt zu Recht als eine politische Tugend. Doch nicht jeder Versuch, politische Entscheidungen mit historischen Erfahrungen zu begründen, hält einer kritischen Überprüfung stand. Zur Rechtfertigung des Irak-Krieges von 2003 bekam die Weltöffentlichkeit von amerikanischen Neokonservativen und auch von Präsident George W. Bush selbst immer wieder zu hören, die Niederwerfung und Besetzung des nationalsozialistischen Deutschland durch die Alliierten im Jahre 1945 und die anschließende "Umerziehung" der Deutschen beweise, dass ein Land auch von außen und mit militärischen Mitteln auf den Weg von der Diktatur zur Demokratie gebracht werden könne. Aber lässt sich aus dem deutschen Beispiel tatsächlich eine solche verallgemeinernde Schlussfolgerung ableiten, oder waren es nicht vielmehr besondere historische Bedingungen, die aus der Demokratisierung Deutschlands, genauer gesagt, eines Teiles von Deutschland, nach dem Zweiten Weltkrieg eine Erfolgsgeschichte machten?

Die Demokratisierung des Teiles von Deutschland, der 1945 von amerikanischen, britischen und französischen Truppen besetzt wurde, war nämlich keineswegs der erste, sondern der dritte Versuch, die westliche Demokratie in Deutschland heimisch zu machen. Der erste war die Revolution von 1848. Sie scheiterte an einer historischen Überforderung der liberalen und demokratischen Kräfte: Es gelang ihnen nicht, ihr Doppelziel Einheit in Freiheit zu erreichen und aus Deutschland gleichzeitig einen Nationalstaat und einen liberalen Verfassungsstaat zu machen.

Der zweite Versuch war die Weimarer Republik der Jahre 1918 bis 1933. Als der Erste Weltkrieg zu Ende ging, war Deutschland schon seit fast einem halben Jahrhundert ein Nationalstaat. Es war auch ein Verfassungsstaat, freilich kein liberaler. Zur Regierungsform der parlamentarischen Demokratie ging das von Bismarck geschaffene Deutsche Reich erst im Herbst 1918 über, als es keinen Zweifel mehr an der militärischen Niederlage gab. Der Zusammenfall von Demokratisierung und Niederlage war die schwerste psychologische Vorbelastung der Weimarer Republik und einer der tieferen Gründe dafür, dass die erste deutsche Republik nach 1930 in den Stürmen der Weltwirtschaftskrise unterging und von einer Diktatur des extremen Nationalismus, dem "Dritten Reich", abgelöst wurde.

Schon unter Bismarck gab es ein kräftiges Stück Demokratie

Deutschland war ein Teil des alten Okzidents. Es hatte im hohen Mittelalter die Urform der Gewaltenteilung, die Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt, mit vollzogen und ebenso die Trennung von fürstlicher und ständischer Gewalt – zwei vormoderne Formen von Gewaltenteilung, die für den "lateinischen" Westen konstitutiv wurden und ihn vom byzantinischen Osten abhoben. Deutschland hatte einen aktiven, ja prägenden Anteil an den großen Emanzipationsbewegungen der Frühen Neuzeit: dem Humanismus, der Reformation und der Aufklärung. Doch anders als Frankreich und England entwickelte es sich in jenen Jahrhunderten nicht zum Nationalstaat. Die Staatsbildung erfolgte auf der niederen Ebene des fürstlichen Territorialstaates und nicht auf der des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, das bis zu seiner Auflösung im Jahre 1806 etwas anderes und mehr sein wollte als ein Nationalstaat.

Deutschland zog auch nicht dieselben politischen Konsequenzen aus der Aufklärung wie Frankreich, England und die jungen Vereinigten Staaten von Amerika. Die Kräfte, die sich bis 1918 in Deutschland an der Macht behaupten konnten, erteilten den Ideen der repräsentativen Demokratie eine klare Absage. Im Ersten Weltkrieg stellten die geistigen Eliten den westlichen "Ideen von 1789" polemisch die "Ideen von 1914" gegenüber: Ein starker und gerechter Obrigkeitsstaat sollte die deutsche Kultur der Innerlichkeit vor der materialistischen Zivilisation des demokratischen Westens schützen.

Die Revolution von 1918/19 bedeutete keinen radikalen Bruch mit der vordemokratischen Vergangenheit Deutschlands. Das lag, so paradox es klingen mag, vor allem an der Teildemokratisierung, die sich in Deutschland lange vor 1918 vollzogen hatte. Seit der Schaffung des Deutschen Reiches durch Bismarck kannten die Deutschen ein kräftiges Stück Demokratie in Gestalt des allgemeinen gleichen Wahlrechts für Männer. Es gewährleistete ihnen einen Anspruch auf Teilnahme an der Gesetzgebung, wenn auch nicht auf Wahl ihrer politischen Führung. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs konnte es daher nur um mehr Demokratie gehen: um die Einführung des Frauenwahlrechts, die Demokratisierung des Wahlrechts in den Einzelstaaten, Kreisen und Gemeinden, die konsequente Durchsetzung des Prinzips der parlamentarischen Mehrheitsregierung.

1945 war fast alles anders als 1918. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es weder einen gesellschaftlichen noch einen moralischen Bruch mit der Zeit davor. Die Eliten des Kaiserreiches in Militär, Beamtentum, Justiz, Bildungswesen, Großindustrie und Großgrundbesitz konnten ihren Einfluss in die Republik hinüberretten. Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der Kriegsschuldfrage von 1914 fand nicht statt, obwohl die wichtigsten deutschen Akten, die die damalige Reichsleitung schwer belasteten, seit 1919 bekannt waren. Im Kampf gegen den Friedensvertrag von Versailles und die Kriegsschuldthese der Alliierten formte sich vielmehr eine deutsche Kriegsunschuldlegende heraus. Sie verband sich mit der bekannten Dolchstoßlegende – der Behauptung, vaterlandslose Kräfte in der Heimat seien den kämpfenden Truppen in den Rücken gefallen und hätten so die deutsche Niederlage herbeigeführt. Beide Legenden gehörten zu den wirksamsten Waffen, mit denen die nationalistische Rechte die Demokratie von Weimar angriff.