So also sieht ein sympathischer Haarschnitt aus: leicht fransig, nicht ganz symmetrisch, trotzdem nicht unordentlich. Karl Lauterbach, Professor und Regierungsberater, hat seine Friseuse um einen sympathischen Haarschnitt gebeten, bevor er zum Fototermin für seine Wahlplakate eilte. Nun sitzt er in einem Berliner Café und erzählt vom geplanten Wechsel in die Politik. Denn Lauterbach ist der Prominenteste unter denen, die zum ersten Mal für die SPD in den Bundestag wollen.

Vieles ist jetzt neu für ihn, auch das Werben um Sympathie. Die Provokation liegt ihm mehr. Lauterbach will mehr Qualitätskontrollen im Gesundheitswesen und eine Positivliste für die Pharmaindustrie. Er sagt in Interviews, dass viele Fachärzte schlechte Arbeit leisten, und er redet über das schmutzige Geschäft der Apotheker mit der Pharmaindustrie. Ihm scheint etwas zu fehlen, wenn er keine Aufregung provoziert. Ziemlich gute Nerven attestieren ihm selbst seine Gegner. Und von denen gab es im Zuge der Gesundheitsreform viele: Fachärzte, Apotheker, Pharmalobbyisten und manchmal auch andere Wissenschaftler.

Mit seinen Vorschlägen für Reformen im Gesundheitswesen hat sich Lauterbach fast immer weiter vorgewagt als die zuständige Ministerin Ulla Schmidt.

Manchmal verbarg sich dahinter eine abgestimmte Arbeitsteilung - zum Beispiel, als er mit den Wissenschaftlern der Rürup-Kommission eine Praxisgebühr von 13 Euro forderte, damit die Bundesregierung anschließend einen etwas moderateren Vorschlag leichter durchsetzen konnte. So etwas bereitet ihm Spaß, wie er überhaupt lustvoller als viele Parlamentarier Strippenziehereien aller Art betreibt.

Mehr als jeder andere Wissenschaftler hat sich Lauterbach schon in den vergangenen drei Jahren in die Niederungen der Politik begeben, hat Zweckbündnisse geschmiedet, SPD-Ortsvereine bereist und viel Zeit in sozialdemokratischen Gremien verbracht. Die Bewerbung um ein Bundestagsmandat erscheint ihm selbst jetzt als nahe liegender nächster Schritt. Nicht einmal die Aussicht, nach der Bundestagswahl vermutlich in einer desolaten, von Richtungskämpfen gebeutelten SPD arbeiten zu müssen, scheint ihn zu schrecken. Gerade diese Phase erscheint ihm ideal, um Ideen zu den Themen Gesundheit, Bildung, Chancengleichheit einzubringen. Dabei hilft womöglich, dass erfahrene SPD-Gesundheitspolitiker wie der Ausschussvorsitzende Klaus Kirschner oder die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Gudrun Schaich-Walch nach dem 18. September nicht in den Bundestag zurückkehren wollen.

Als normaler Hinterbänkler erfährst du doch alles zuletzt

Gleichwohl haben ihm vor allem Politiker und politisch denkende Beamte vom Abgeordnetenjob abgeraten. Du gibst deinen Einfluss als Wissenschaftler auf, mahnten einige. Die Medien werden dich als Experten nicht mehr ernst nehmen, warnten andere. Als normaler Hinterbänkler erfährst du doch alles zuletzt und wirst an Entscheidungen nicht beteiligt, erinnerten selbst Wohlmeinende. Lauterbach schüttelt darüber den Kopf: Man könnte meinen, dass ausgerechnet der Bundestag kein Platz für politisch Interessierte mehr ist.