Lorch

Lorch besitze das schönste Pfarrhaus und das schönste Schulhaus im Rheingau, schwärmte die Stiftsdame Adelheid von Stolterfoth, eine Rheingauer Dichterin der Spätromantik. Auch darf man das 1548 von Johann Hilchen von Lorch erbaute Haus nicht übersehen. Es erinnert durch seine architektonischen Verzierungen an manche Gebäude der ächtdeutschen Stadt Nürnberg. Tempi passati, wie die Stiftsdame vielleicht gesagt hätte. Das Hilchenhaus, von Kunsthistorikern als schönster Renaissance-Adelssitz des Mittelrheins gerühmt, ist heute eine Ruine, wenn auch mit prächtiger Schaufassade.

Johann Hilchen, Gefährte des Reichsritters Franz von Sickingen und später königlich-kaiserlicher Feldmarschall, hat das Haus erbaut, aber selbst nie genutzt. Kriege und Revolutionen überstand es fast 500 Jahre lang, nicht aber das wenige Jahre währende Wirken eines Investors, dem Kommunalpolitiker und sogar Denkmalpfleger in einem der ärmsten Landstriche Hessens tatkräftig zur Seite standen. Inzwischen sind die historischen Fenster mit Brettern vernagelt, der berühmte Erker aus rotem Sandstein wird abgestützt. Und hinter dieser Fassade verstellt ein Rohbau brutal die Sicht auf Lorchs schöne, gotische Pfarrkirche. Schande hat jemand an die Umfriedungsmauer der Martinskirche gekritzelt.

Die Geschichte von der Zerstörung des Hilchenhauses begann Ende der neunziger Jahre, als der ostwestfälische Unternehmer Hermann-Josef Hülshorst ein Auge auf das berühmte Bauwerk warf. Er wusste, dass das Mittelrheintal in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden sollte und witterte ein Geschäft. Aus dem Hilchenhaus sollte ein Vier-Sterne-Hotel werden, mit 70 Zimmern und Suiten, Tagungsräumen, Restaurants und Wellnessabteilung. 14 Millionen Mark wollte Hülshorst in sein Victoria Grand Park Hotel investieren. Kommunalpolitiker priesen das Projekt schon vorab als Highlight des Regionalmarketings. Auch Bürgermeister Günter Retzmann (SPD) freute sich. Schließlich ist Lorch mit seinen 47 000 Einwohnern arm dran, seit die Bundeswehr ihre Kasernen geräumt hat.

Den Lorchern standen die Dollarzeichen in den Augen

Den Lorchern standen die Dollarzeichen in den Augen, erinnert sich eine Angestellte im Weingut des Grafen Kanitz. Ihm gehört das Hilchenhaus. Es kam nach Hilchens Tod über den Freiherrn von Stein in den Besitz der Familie, die sich nicht sonderlich darum kümmerte. Der inzwischen verstorbene Carl-Albrecht Graf Kanitz überließ es dem Unternehmer Hülshorst in Erbpacht.

Die Öffentlichkeit nahm von Hülshorsts Plänen kaum Notiz, Genehmigungen wurden auf kleinem Dienstweg erteilt. Die Denkmalbehörde ließ zu, dass eine wertvolle Zehntscheune aus dem 18. Jahrhundert hinter dem Hilchenhaus einem Bettentrakt weichen musste. Heute bedauert Hessens oberster Denkmalschützer Gerd Weiß diese Entscheidung. Das Hilchenhaus sei lange ein Sorgenkind des Denkmalschutzes gewesen. Um eine Nutzung zu ermöglichen, habe man ein Opfer bringen müssen. Jetzt warne ich immer davor, wenn uns Investoren erpressen wollen.