Die Zukunft steht in den Sternen, aber dafür muss man nicht in den Himmel schauen. Nicht mal in die Ferne, nur den Kopf ein bisschen heben, dann sieht man, wie sie sich am Ufer abzeichnet. Noch im Rohbau zwar, aber Etage um Etage nimmt sie mehr Form an, es werden Terrassen sichtbar, Frühstückssäle, Fitnessräume, Küchen, fünf Restaurants, 245 Zimmer, zwölf Suiten, eine davon "royal": 400 Quadratmeter, Terrasse mit Seeblick, zwei Räume für Bodyguards. Wenn der Staub erst herausgefegt ist und der Teppich hi-neingerollt, wenn in einem Jahr die Bauarbeiter abziehen, dann wird "Mövenpick" über dem Eingang stehen, es wird Begrüßungscocktails geben, parfümierte Handtücher, und an der Rezeption werden sie mit einem sorgfältig einstudierten Lächeln sagen: "Willkommen in Gaza-Stadt."

Fünf Sterne für Gaza-Stadt: Eine Zukunft in goldenen Lettern, geprägt auf Briefköpfe und Hochglanzprospekte, ein Ausweis für Hygiene, Komfort und die richtige Matratzendicke; gewohnter Luxus für die Gäste, ungewohnte Normalität für die Menschen hier. "Ein internationales Luxushotel ist ein Symbol unserer Unabhängigkeit", sagt der Bauleiter, er steht auf einer Terrasse im siebten Stock , "es zeigt, dass wir selber etwas auf die Beine stellen können."

Neben dem Mövenpick grasen Ziegen

Es ist die größte palästinensische Investorengruppe Padico, die das kühne Prestigeunternehmen vorantreibt. Die Fundamente des Mövenpick wurden kurz vor Beginn der Intifada im September 2000 gegossen, dann wurde der Bau gestoppt, jetzt haben sie wieder angefangen. Alle warten auf den Tag, an dem die Israelis ihre zwei Dutzend Siedlungen in dem 40 Kilometer langen Sandstreifen an der Mittelmeerküste räumen sollen. Wer an der Uferstraße von Gaza-Stadt entlanggeht, hat Mühe, sich vorzustellen, dass hier einmal der Bädertourismus blühen soll. Die Flaniermeile mit Palmen, die man auf den Entwürfen der Architekten sieht, ist heute noch ein Asphaltstreifen, gesäumt von Schutt und Ruinen.

Neben dem Mövenpick grasen Ziegen, wo nach den Worten des Bauleiters eine Resortanlage entstehen soll, "93000 Quadratmeter groß". Schrott stapelt sich auf dem Gelände der geplanten Apartmenttürme ("zehn Stockwerke hoch"). Arbeit für die nächsten fünf Jahre, sagt der Bauleiter und winkt zum Abschied, das Ohr schon wieder am Telefon. Am anderen Ende der Straße bauen sie am Royal Plaza, das Al Deira wird überholt, das Cliff ebenso. Weiter in Richtung Stadtmitte reihen sich die Häuser der Flüchtlinge, meist ein, höchstens zwei Stockwerke hoch, krumm und schief, wie Kartenhäuser lehnen sie aneinander. Wenn man eines wegzöge, fielen sie vermutlich alle in sich zusammen.

Kinder drängen heran, Spaziergänger sind hier eine Attraktion, unverschleierte Frauen erst recht. Die Mütter tragen weite Gewänder und enge Kopftücher, sie sitzen auf den Stufen der Häuser, trinken Kaffee mit Kardamom, in Decken gewickelte Babys im Arm, ältere Kinder auf den Hüften, an den Händen; zehn, zwölf, das ist hier keine Seltenheit. Die Geburtenrate ist eine der höchsten weltweit und der Gaza-Streifen einer der am dichtesten bewohnten Landstriche. Bis zum endgültigen Abzug, der in diesem Monat beginnen soll, leben hier noch rund 7300 israelische Siedler auf 20 Prozent des Gebiets und 1,4 Millionen Palästinenser auf dem Rest, einem Flecken etwa so groß wie Braunschweig. Und die Hälfte von ihnen sind Kinder. Sie hüten gusseiserne Kessel mit Maiskolben, verkaufen neonorange Säfte und lachen die Besucher an. Große braune Augen, Zahnlücken, wirre Locken überall, wer nicht arbeiten muss, zieht einen Drachen durch die Luft im palästinensischen Schwarz-Weiß-Grün-Rot.

Nicht weit von hier wird geschossen, da schlagen Kassam-Raketen im Stundentakt in den Siedlungen ein, da töten im Gegenzug Spezialkommandos Hamas-Führer, kämpfen palästinensische Polizisten gegen palästinensische Extremisten und israelische Soldaten gegen gewaltbereite Siedler. Aber am Strand zeigt Gaza-Stadt ein anderes Gesicht. Großfamilien speisen auf Plastiktischen, Männer machen Handstand in der Brandung; wir essen aus der Hand frische Garnelen und Calamares. An eine Mauer hat jemand seine Vision von Gaza-Stadt gemalt, eine Skyline wie Tel Aviv, mit Hochhäusern, Strand und Fischerbooten. Eine palästinensische Riviera.

Im Grand Palace ein paar Meter weiter kann man den Traum schon besichtigen, außen weiße Säulen, am Eingang ein Schild mit einer durchgestrichenen Pistole, drinnen vier Sterne, 20 Zimmer, 17 Mitarbeiter und kein Gast. Auf einem Blumentischchen in der Lobby steht ein Radio, es singt Mariah Carey, so laut, dass der Kristallleuchter klirrt. Erschreckt eilt der Rezeptionist zum Rekorder. Er nimmt Haltung an, auf diesen Moment hat er lange gewartet. Wie viele Gäste hier seit der Eröffnung vor einem Jahr übernachtet haben? Er muss nicht lange überlegen, "220", sagt er, "und kein einziger davon Tourist." Es gibt seit fünf Jahren keinen Tourismus im Gaza-Streifen, und auch davor kamen nur die Palästinenser aus dem Westjordanland hierher, um Strandurlaub zu machen.