Das kann doch nur ein Witz sein. Seit unserer Ankunft an der Pasterze, dem gewaltigen Gletscher unterhalb des Großglockners, wiederholt Herbert Streibel, der Bergführer, immer das Gleiche: Jeder aus der Gletschertrekking-Gruppe müsse sich einmal in eine "schöne Spalte" stürzen.

Und jetzt hänge ich wirklich acht Meter tief drin. Gehalten von einem Sitzgurt, zwei Schraubkarabinern und einem Kletterseil. Es war also doch kein Witz, sondern ist der fakultative Extra-Thrill, wenn man mit dem Summit Club des Deutschen Alpenvereins (DAV) beim Gletschertrekking für Einsteiger unterwegs ist. Halten die Sackstich- und Prusikknoten und der oben im Schnee verankerte Eispickel? Doch trotz der Zweifel fühle ich mich sicher in der Obhut des Bergführers, dessen Überzeugungskraft mit jedem Höhenmeter stieg und in gut 3100 Metern päpstliches Unfehlbarkeitsniveau erreicht hat. Schließlich hänge ich freiwillig hier unten, angesteckt von Herbert Streibels Begeisterung für Spalten, von denen der austrainierte Fünfzigjährige einem vorschwärmt wie der Surfer von der perfekten Welle.

Im schneefreien Bereich ist die Pasterze schwarz vom Schutt

Von oben sah der fünf Meter breite Riss im Eis derart furchteinflößend aus, dass man vor dem Sprung am liebsten das Klohäuschen aufgesucht hätte, wenn unterm Johannisberg auf dem oberen Pasterzenboden denn eines stünde. Doch je tiefer man eindringt in den Gletscher, desto weiter öffnet die Spalte ihren labyrinthischen Schlund aus Schneebrücken und verkanteten Eisblöcken und scheint große Lust zu haben, einen zu verschlingen wie Sonnentau eine Eintagsfliege: Ohne Seil und sanft gebremsten Fall wäre ich 30 Meter tief gestürzt. Jetzt kann ich mir den Albtraum vorstellen, der hinter Vermisstenmeldungen in den Bergen steckt. Lange Minuten hänge ich herum, während oben zwei weitere Gletschertrekker, die zierliche Margarete und der starke Joachim, mit Seilen, Karabinern und Knotentechnik einen Flaschenzug herrichten.

Dann ziehen sie mich Ruck für Ruck hoch, die letzte Hürde ist der überhängende Spaltenrand. Margarete und Joachim sind außer Atem – Spaltenbergung ist ein harter Job. "Wärst du weiter rechts gesprungen, wäre es richtig schön schwierig geworden, dich rauszuholen", sagt Bergführer Herbert, und sein bergwettergegerbtes Gesicht strahlt vor Freude über die gelungene Aktion. Langsam baut der Körper das Adrenalin wieder ab. Der Gletscher hat demonstriert, was für ein eiskaltes Monster er ist.

Dabei haben wir 1000 Meter weiter unten noch Mitleid mit ihm gehabt. Denn an ihrem unteren Ende erinnert die Pasterze an einen Schwerstarbeiter, der dreckiger, schweißtreibender Maloche nachgehen muss: Mit bis zu 80 Metern pro Jahr fließt die Pasterze talwärts und schiebt dabei jede Menge Geröll vor sich her. Wenn an heißen Sommertagen die Sonne brennt, verliert die Eismasse rasch an Substanz und sieht hier unten krankhaft durchlöchert aus. Weiter oben schützt sie der Neuschnee, der das Sonnenlicht reflektiert, doch in ihrem aperen, das heißt schneefreien Bereich ist die Pasterze schwarz von Staub und Schutt und sieht von oben so zerfahren aus, als hätte eine eiskunstlaufende Riesin zu viele Pirouetten gedreht. Die Gletscherzunge schmilzt dahin, man könnte sagen: Sie hechelt, es bilden sich Priele wie am Meer, das gräulich weiße Schmelzwasser tropft auf die Felsen und läuft als Gletschermilch in Bächen zu Tal.

Trocken kracht es im nur wenige Zehntel unter null Grad warmen Eis, als wir es mit den Steigeisen betreten. Ein kalter Gletscherwind weht uns entgegen, der aus den oberen Regionen nach unten fällt. Hier, im so genannten Zehrgebiet des längsten Gletschers der Ostalpen, wird sein Schwund augenfällig. In den vergangenen 150 Jahren ist die Pasterze um mehr als die Hälfte abgeschmolzen, doch Herbert und andere Bergexperten geraten deshalb nicht in Panik: Im 15. und 16. Jahrhundert seien die Gletscher fast verschwunden. Dort, wo man gerade über dickes Eis laufe, hätten sich damals Almen befunden, und es habe doch noch gar keine menschgemachte Klimaerwärmung gegeben. Gletscher kommen und gehen, so sei halt der Lauf der Welt.

Dass sie aber gerade einmal wieder auf dem Rückzug sind, macht die Gletscher populär: Wohl ein Grund, warum die Gletschertrekking-Programme des DAV so beliebt sind, Touren, die weniger für ehrgeizige Alpinisten als für ambitionierte Wanderer konzipiert wurden, die sich neue Regionen erschließen möchten. Denn es liegt ein einzigartiger Reiz darin, über einen Gletscher und seine Abgründe zu laufen. Frühmorgens, wenn der Firn noch gefroren ist, wandert man wie auf einem festen Teppich, der jeden Schritt dämpft. Man fühlt sich wunderbar leicht in der Höhenluft und zweifelt nicht daran, dass die Firnbrücken einen über alle Spalten hinweg tragen werden. An steileren Stellen schnallt man die scharfzackigen Steigeisen unter die Stiefel, die einen im Eis verankern wie einen Alpensalamander am nassen Fels. Anstrengender wird das Gehen gegen Mittag, wenn der Schnee in der Sonne weich und schwer geworden ist und jeder Schritt tief einsackt. Doch das ist auf dieser Tour das Problem von Herbert, denn der Bergführer legt stets die Spur.