Wer je am Strande Bücher las, braucht über den Verschleiß der Lektüre und des Lesers nicht eigens belehrt zu werden. Eine Kopfstütze fehlt, Sand mischt sich ein, der Sonnenstich meldet sich an und löst die Wahrnehmung ins Sandkörnige auf, die Brille muss oft als verschüttet gelten, ölige Hände an bleiernen Armen lassen Seiten verkleben, der Nacken will sich nicht wenden. Selten ist in Zeiten der Entsinnlichung aller Alltagsvollzüge das Lesen derart als Herausforderung der leib-seelischen Einheit des Menschen zu erfahren wie in den Ferien und darf also einmal als echtes Leben bezeichnet werden. Als ein Residuum des spürbar risikobehafteten Zugangs zur Welt.

Nun aber bietet ausgerechnet ein Ort namens Goetheplatz 13 Anlass, dieser Eigentümlichkeit des Lesens im Urlaub an dieser Stelle schützend zur Seite zu springen. Ein Produktdesigner und Versandhändler, dessen Frau angeblich im letzten Ostseeurlaub über schwere Arme beim Lesen des Lieblingsbuchs klagte, hat allerlei Lesehilfen ersonnen, die aus dem Urlaubsgepäck ohne weiteres drei bis vier Bücher zu verdrängen vermögen, wenn man nicht aufpasst. Ein weiches Klapptischchen etwa, auf dem der lesende Hinterkopf ruhen kann, einen Lese-Spaten mit höhenverstellbarer Traverse, der einem zur Schonung der Arme das Buch hinter einer Acryl-Scheibe vor Augen hält, weiterhin einen Sonnenschirm mit integrierter Teleskopstange und desgleichen mehr.

Nun besteht ja keinerlei allgemeine Verpflichtung, die Mußezeit mit Lektüren zu füllen, erst recht nicht in den Ferien, wenn das Angenehme die Anstrengung aus dem Feld schlagen soll. Und kein Mensch möchte dem guten Produktdesigner, der die Lücke erkannt hat, die Marktchancen am prekären Wirtschaftsstandort Deutschland vermasseln, zumal außer wohlstandsverwirrten Deutschen niemand auf die Idee verfiele, sich die Erfahrung des Lesens dergestalt freiwillig selbst abzukaufen.

Doch Lesen muß Lesen bleiben. Deshalb sollten im überregulierten Land der Reinheitsgebote nicht nur die Leberwurst und der Riesling, sondern auch die Erfahrung und der Begriff des Lesens engagiert vor Manipulation und Panscherei geschützt werden. Und also soll hier ein Patent auf den Begriff des Lesens angeregt werden, gegen das zu verstoßen fortan nicht ohne Konsequenzen bliebe.

Als Lesen gilt künftighin nur, was den ganzen Menschen in Mitleidenschaft zieht und zu seinem Verschleiß wie dem des Buches nachweislich beiträgt. Das Lesen bedarf, ohne Schonung, des Einsatzes eines vergänglichen Körpers, der sich erholen will und doch nicht anders kann, als sich dafür zu mühen. Lesen ist Leben. Jedenfalls in den Ferien.