Im siebten Stock seines Bücherturms kann sich Jean-Noël Jeanneney vor Kulturverfall und Massengeschmack eigentlich sicher fühlen. Von seinem Präsidentenzimmer in der französischen Nationalbibliothek überblickt er den Campus des größten und teuers-ten Neubaus, den je ein Land für sein Schrifttum errichtete. 1995 war die Sammlung aus der legendären Bibliothek an der Rue de Richelieu in das weltraumbahnhofartige Ensemble am Seine-Ufer im Pariser Osten umgezogen. Jahrelang hatte es Computerpannen und Bücherschwund gegeben, bis die vertikalen Magazine in den vier Glastürmen des Site François Mitterrand endlich funktionierten. Heute gelingt es den 2500 Bibliotheksangestellten, jedes der 13 Millionen Bücher binnen einer Stunde in die palastartigen Katakomben der Lesesäle zu schaffen. Sie liegen tief unten im Sockel rund um einen märchenhaften Klostergarten und gelten als schönste Lektürekabinette im ganzen Land. Nach anfänglicher Abneigung hat das Publikum den futuristischen Riesenbau mittlerweile angenommen. 2004 wurde die Rekordzahl von 1,3 Millionen Besuchern gezählt.

Doch die Pracht ist bedroht, und Präsident Jean-Noël Jeanneney hat als Erster Alarm geschlagen. Im Frühjahr brachte er ein kleines Taschenbuch heraus, mit dem er den ersten Kulturkrieg im globalen Cyberspace eröffnet. Es heißt Quand Google défie l’Europe – " Wenn Google Europa herausfordert" (Editions Fayard/Mille et une nuits) und richtet sich gegen den Siegeszug der amerikanischen Internet-Suchmaschine Google. Denn die will nicht mehr nur weltweit Milliarden von Web-Seiten, sondern künftig auch 15 Millionen Bücher verwalten. Im vergangenen Dezember hatte Google angekündigt, die Bestände aus fünf amerikanischen und englischen Bibliotheken – Stanford, Michigan, Harvard, New York und Oxford – zu digitalisieren und kostenlos ins Netz stellen. Seit Januar scannt die Firma täglich 50.000 Buchseiten. Das Projekt soll insgesamt 4,5 Milliarden Buchseiten umfassen, zehn Jahre dauern, 200 Millionen Dollar kosten und durch Werbung finanziert werden. "Wir wollen", heißt es in der Google-Zentrale im kalifornischen Mountain View, "das Wissen der Menschheit allgemein verfügbar machen."

Die Grenze zwischen Information und Werbung verschwimmt völlig

"Das wollen wir auch", sagt Bibliothekschef Jeanneney, geht an die Bücherwand seiner eisgekühlten Präsidentensuite und drückt Besuchern ein signiertes Exemplar seiner kleinen Kampfschrift in die Hand. Vor dem Panoramafenster schiebt sich der Riesenriegel des französischen Finanzministeriums in die Seine, im Hintergrund glitzern die Kirchenkuppeln von Paris, und zusammen mit dem gewinnenden Auftreten des Elitebeamten ist in diesem kultivierten Ambiente kaum etwas von den Rempeleien zu erahnen, die der Präsident in seinem Essay beschrieben hat. Darin spricht er von der "Google-Arroganz", von der "Amerikanisierung des Weltgedächtnisses" und warnt vor der "Dominanz einer Hypermacht" und der Gefahr "potenzieller Zensur".

Nein, er meine das überhaupt nicht antiamerikanisch, wiegelt der Franzose mit gespielter Schüchternheit ab, als bedauere er schon seine scharfen Worte. Er wolle vielmehr, dass die Europäer von Amerikas Tugenden lernen – aber im Sinne eines kulturellen Multilateralismus: "Wenn wir uns nur noch im amerikanischen Spiegel betrachten, bekommen wir eine ziemlich deformierte Sicht der Welt." Als Beleg berichtet er von seiner Zeit als Leiter des Festkomitees zum 200. Jahrestag der französischen Revolution 1989: "Hätten wir uns damals nur auf angelsächsische Quellen gestützt, wäre unser Fest zur Trauerfeier geworden." Gebe er bei Google beispielsweise den Namen Robespierre ein, bekomme er vor allem Einträge über die Guillotine, aber kaum etwas über die Erklärung der Menschenrechte oder die Einführung des allgemeinen Wahlrechts – "was ja wohl etwas verkürzt ist".

Seit Ankündigung der digitalen Google-Bibliothek traut Präsident Jeanneney der weltweit erfolgreichsten Suchmaschine vollends nicht mehr über den Weg. Bislang galt das so genannte Popularitäts-Ranking, die Hierarchisierung der Information nach Maßgabe der meistbesuchten Web-Seiten, als geniale Erleichterung der Recherchen. Doch bei Büchern sieht Jeanneney solche Erfolgskriterien als verhängnisvoll an: "Das funktioniert dann wie im Supermarkt, wo bestimmte Produkte immer vorn im Regal stehen." Diese Selbstorganisation im Cyberspace lasse nur noch Hitparaden-Titel zu, während spezialisierte Literatur so weit in den Listen herabsinke, bis sie kaum mehr zu finden sei. Und für die meisten Landessprachen der 25 EU-Länder sieht die Zukunft im englisch dominierten Bücher-Netz ohnehin düster aus.

Zudem steht zu erwarten, dass Google aufgrund der privaten Finanzierung seines Bibliotheksprogramms ebenso verfährt wie schon bei herkömmlichen Suchbegriffen: Firmen können automatische Verknüpfungen ihrer Web-Seiten mit Wörtern und Buchtiteln erwerben. Bei Buch-Links, fürchtet Jeanneney, wählen die Anzeigenkunden jene Titel aus, die am besten zu ihren Verkaufszwecken passen, sodass sich eine Hierarchie der Bücher ergibt. Auch wenn Google nach eigenem Bekunden bislang die Buchverweise noch nicht kommerziell verwertet, sieht Jeanneney die Gefahr, dass eines Tages nur noch Titel digitalisiert werden, für die sich auch Anzeigenkunden finden. Die Grenze zwischen Information und Werbung, die schon heute kaum noch ein Netzbenutzer bemerkt, verschwimmt völlig.