google-dossier Die Google-BibliothekSeite 3/3
Neben der Fragmentierung des Wissens sehen Kritiker in den USA den mangelnden Autorenschutz als größten Konfliktstoff an. Peter Givler, Direktor des amerikanischen Verbandes der Universitäts-Verlage (AAUP), spricht von einer »systematischen Verletzung der Urheberrechte in großem Maßstab«. Während Google sich beim Verleger-Service noch für jeden Titel die Kopiererlaubnis einholte, werden die Bibliotheken ohne deren Einwilligung gespeichert. »Das kommt einer Erlaubnis gleich, Kopien von jedem Werk zu machen« – was für Fachverlage ruinös sei. Und er stellt auch die Frage, wie Urheber, die einmal ihr Plazet zur Aufnahme bei Google gegeben haben, sich gegen eine künftige Verwertung schützen können – etwa für den Fall, dass Google ein »Pay-per-view-System« einsetzt, für das die Firma bereits eine Patentanmeldung laufen hat. Und ebenso ungeklärt ist die Frage, wem die digitalisierten Bestände gehören, wenn Google Konkurs macht oder verkauft wird.
Europäische Bibliotheksdirektoren dagegen reagieren gelassener. Elisabeth Niggemann von der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main und Leipzig sieht noch lange kein Weltmonopol für Google, deren Marktführerschaft noch jung sei und von vielen Mitbewerbern angegriffen werde. »Vor allem aber baut Google eine Vielzahl von nationalen Suchmaschinen auf, die nur attraktiv bleiben, wenn sie die Web-Seiten und Bibliotheksbestände der jeweiligen Länder aufnehmen.« Google kann nach ihrer Ansicht nur die Erstinformation erleichtern, gleichsam als Griff zum Lexikon, während Fachrecherchen weiterhin auf Spezialdatenbanken und wissenschaftliche Bibliotheken angewiesen bleiben. Sollte Google Interesse anmelden, hat die Frankfurter Direktorin keine Einwände gegen eine Erfassung ihrer Bestände – gesetzt, dass die Amerikaner nur Kopien bekommen, aber keinesfalls ausschließliche Verwertungsrechte im Netz.
Wim van Drimmelen, Direktor der Niederländischen Nationalbibliothek in Den Haag, findet Googles Initiative »großartig« – und unterstützt zugleich energisch Frankreichs Forderung nach einem europäischen Äquivalent. Als Vertreter eines kleinen Landes ist er gewohnt, dass seine Sprache dem Englischen unterlegen ist, weshalb er daheim ein Online-Netzwerk von 50 niederländischen Bibliotheken aufgebaut hat, das sich um das eigene Kulturerbe kümmert. Über die Selektion der Google-Bibliothek macht er sich keine Sorgen: »Da vertraue ich ganz auf meine amerikanischen Universitätskollegen, die ihre Bestände nach rein wissenschaftlichen Kriterien erfassen lassen.« Anders als die Franzosen hält der Niederländer die Zukunft seiner Profession nicht für gefährdet: »Die Konkurrenz der Online-Bibliotheken dreht sich in erster Linie um Qualität, und da können wir spielend mithalten.« Die Arbeitsteilung zwischen Google und den traditionellen Buchverwaltern vergleicht er mit dem Angebot von Bahnhofs- und Universitätsbuchhandlungen, von denen jede ihre Kundschaft optimal bedient.
Mit seinem Alarmruf hat der Bibliothekspräsident für Bewegung gesorgt – aber zugleich den Eindruck erweckt, dass das schlafende Europa erst durch Google aufgeweckt werden muss. Dabei sind seine Nationalbibliothek in Paris sowie seine Kollegen in Den Haag, Frankfurt am Main und in einem weiteren Dutzend europäischer Nationalbibliotheken bereits seit drei Jahren dabei, ihre Bestände ins Netz zu stellen. Die Suchmaschine mit der Adresse www.theeuropeanlibrary.org verfügt über elf Millionen Titel – auch wenn bislang nur zehn Prozent davon im Volltext erfasst sind. Am weitesten fortgeschritten ist Jeanneneys Datenbank mit 80.000 Werken und ebenso vielen Bilddokumenten, die sich in Minutenschnelle herunterladen lassen.
Aber mit Google auf Dauer mithalten können die Europäer nur, wenn sie ihren Datenverbund kräftig ausbauen – und dafür braucht es entweder privates oder öffentliches Geld. Erste Hoffnungszeichen kommen aus Brüssel. Dort hatte die EU seit 2001 nur 15 Millionen Euro für Digitalisierung bereitgestellt; mit der neuen, von Frankreich angeschobenen Initiative sollen es bis 2008 insgesamt 150 Millionen Euro werden – was gleichwohl nichts an dem Trauerspiel ändert, dass 25 EU-Länder auch weiterhin nicht einmal das Budget einer einzigen privaten Suchmaschine aus Kalifornien aufbringen.
- Datum 04.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.08.2005 Nr.32
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Bei der Rede Jeanneneys ist am wichtigsten, dass er die google-Aktivitäten unter US-Marktradikalismus einordnet und in französischer Tradition der Ansicht ist, dass in bestimmten Bereichen (hier z.B. der kulturellen Tradition) der Staat die Vorgaben machen sollte und nicht der Markt. Also eigentlich eine uralte Diskussion, zugespitzt auf ein ganz modernes Anliegen. Der französische Text soll übrigens m.W. ab Frühjahr 2006 für alle auf Deutsch lesbar sein (Verlag Wagenbach).
Über einen aktuellen Auftritt von Herrn Jeanneney in Berlin berichte ich auf face2blog:
http://www.face2blog.de/?...
Gruß!
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