Heute kommt es mir vor, als habe meine Kindheit in Schwarzweiß stattgefunden. Das kann an der Mauer gelegen haben. Das kann an den Bäumen gelegen haben, die nicht älter als ich selber und meine Kreuzberger Neubausiedlung waren. Das kann an der Oranienstraße liegen, die noch immer zu den grauesten der Stadt gehört, obwohl die Bäume inzwischen ihr Bestes getan haben, um die Sache ein wenig in Ordnung zu bringen. Am Ende der fünfziger, zu Beginn der sechziger Jahre kamen wir alle, die Siedlung, die Bäume, die Mauer und ich, so ungefähr gleichzeitig auf die Welt. Und die Welt, das war für uns damals das äußerste Ende des alten Westens und die Mitte des jungen West-Berlin. Das Springer-Hochhaus stand nur ein paar Meter weiter. Die Mauer verlief gleich hinterm Haus.

In dieser heute sehr fernen Zeit waren die Leute noch stolz, aus den riesigen Altbauwohnungen hinaus und hinein in eine Wohnung mit Zentralheizung, Fahrstuhl und "Durchreiche" zu kommen. Eine Neubauwohung hieß: keine Kohlen und keine Großmütter mehr, die in den Ecken der Berliner Durchgangszimmer auf babylonischen Blumenbänken Gummipflanzen hielten, keine Geschichten mehr über brennende und einstürzende Nachbarhäuser, keine Erinnerungen an die ersten Nachkriegswochen, die noch immer in den feuchten Kellern hingen. In der Oranienstraße war alles neu, Nullpunkt, platt gebombt und aus den Trümmern auferstanden: eine schöne SPD-Siedlung, eines der ersten großen Westberliner Wiederaufbauprojekte, mit Fahrstuhl, Zentralheizung und hellen aufgeräumten Kellern für die ehemaligen Berliner BdM-Mädel und die jungen Flakhelfer, die sich und ihren Lebensmut aus dem Endkampf um Berlin hinübergerettet hatten, um aus dem Stand neben dem Wirtschaftswunder auch gleich den Babyboom aus dem – nennen wir es – Ärmel zu schütteln.

Wie konnte es sein, dass die Leute drüben genauso aussahen wie wir?

Und so kam es, dass es in der Oranienstraße auf jeder Etage Kinder gab. Ein Bullerbü des sozialen Wohnungsbaus. Die Papas waren in ihren Dreißigern und arbeiteten bei Jakobs Kaffee, bei der Allianz oder hatten wie meiner eine Zahnarztpraxis im "tiefsten" Kreuzberg, im finsteren "SO 36" (bei uns war immerhin noch aufstiegsorientiertes "61", falls das heute noch jemanden etwas sagt), wo ihn alte Frauen statt mit Krankenscheinen mit Hühnereiern oder Äpfeln versorgten.

Die jungen Mamas waren alle zu Hause, dachten ganz im Geheimen, wenn sie müde vor ihren riesigen Frisierkommoden saßen, noch an ihre aufgegebenen Berufe und kochten in den winzigen Küchen ungeheuer komplizierte Mahlzeiten, die täglich in unendlich vielen Schüsseln und Schälchen durch die Durchreiche ins Esszimmer und wieder zurück transportiert werden mussten. So verging die Zeit. Neue schmalfüßige Möbel mussten gekauft, die Wäsche in der Badewanne gewaschen, die Unterwäsche gebügelt, die Kinderkleider von einer Schneiderin genäht, die Wohnung ohne Unterlass geputzt und gestaubsaugt, eine Sintflut von frischen Hand-, Taschen- und Tischtüchern in Reserve gehalten, im Schrank alles auf Kante gelegt werden. Unser Puppenheim am Todesstreifen sah zu jeder Tages- und Nachtzeit so aus, dass es einen nachbarschaftlichen Stubenappell tadelsfrei überstanden hätte. Abends saß man auf allen Etagen erschöpft von diesen übermenschlichen dekorativen Anstrengungen vor dem Schwarzweißfernseher. Zu Silvester trug man dabei kleine Papierhütchen auf dem Kopf. So weit ich weiß, hat außer der Ehe meiner Eltern keine einzige der Ehen in unserem Haus dieses Leben überlebt.

Wir hatten es gut. Unsere Mütter verbrachten täglich sehr viel Zeit mit dem Aufbau ihrer helmartigen Hochsteckfrisuren und verschwendeten nicht viele Gedanken darauf, ob wir besser in einer Montessori-, einer Waldorf- oder sonstigen edelpädagogischen Einrichtung untergebracht wären. Vor dem Haus tobte der Verkehr über die Oranienstraße in Richtung Mariannenplatz und Checkpoint Charlie. Wir spielten hinten auf dem Hof. Dort standen ein Klettergerüst, ein kleines Haus für Mülltonnen und die Firmenwagen der Väter. Wir waren viele, wir nannten uns Andi, Daggi, Biggi, Jörgi, Michi oder Uli, konnten alle kaum Hochdeutsch, grölten, so laut wir konnten, Lieder aus der West Side Story, wollten alle zum Film und wurden in der Mittagszeit, wenn die Kriegerwitwen schliefen, von einem furchterregenden Blockwart ins Haus getrieben. " I like to be in America. Ev’rything free in America!"

Wir waren glücklich im Schatten der Mauer. Obwohl nicht alle von uns diese graue Freiheit überlebt haben, Michi von nebenan fuhr recht bald mit seinem Fahrrad unter einen Lastwagen, und Daggi hat sich in der Toilette über uns ein paar Jahre später einen Schuss zu viel gespritzt.