Hätte alles seine Ordnung, stünde alles an seinem Platz, dann wäre die Welt perfekt. Aber wie man schon aus dem überschaubaren häuslichen Chaos weiß, ist es illusorisch, den Überblick selbst über die kleinen eigenen Besitztümer zu behalten. Wer hat was liegen gelassen, was wurde ausgeborgt und trotz versprochener Rückgabe nicht zurückgebracht oder was hat sich gar umgekehrt auf fragwürdigen Wegen in den eigenen Besitz geschlichen?

Solche privaten Unübersichtlichkeiten sind freilich nichts gegen die albtraumhafte Vorstellung, die Kunstschätze dieser Welt Stück für Stück durchmustern zu müssen, um das wie auch immer Versprengte und Geklaute seinen Ursprungsorten oder eigentlichen Besitzern zuzuordnen beziehungsweise zurückzugeben.

Immer wenn ein spektakulärer Fall von Beutekunst oder Kunstraub vor Gericht anhängig ist (siehe Seite 42), wird die Frage nach dem rechtmäßigen Ort der durch Jahrtausende über alle Kontinente verschobenen Werke gestellt. Käme man den Ansprüchen der einzelnen Kulturen auf ihren angestammten Besitz nach, würde allerdings ein gewaltiges Gerücke und Geschiebe anheben, bis die Elgin Marbles, die Nofretete, der Pergamon-Altar, mittelalterliche Handschriften, die Weltkarte von Heinz Waldmüller, die Obelisken, Triumphbögen, prähistorische Scherben wieder dorthin geschafft würden, wo sie je nach Ansicht von Historikern und Juristen, Politikern und Forschern zu Hause sind - falls dieses Zuhause überhaupt noch existiert be ziehungsweise als Heimat infrage kommt.

Das Byzantinische Reich, an das Venedig die Pferde von San Marco zurückgeben müsste, ist längst untergegangen, und die Türken, die es eroberten, wird man kaum als Erben ansehen. Und wem sollte man die auf Kriegszügen des römischen Diktators Sulla erbeuteten griechischen Statuen zurückgeben? Die Städte ihres Ursprungs sind nicht mehr. Oder wohin mit der Beute des verrufensten Tempelräubers der Antike, Gaius Verres? All diesen Schätzen kann man nur wünschen, dass sie dort bleiben, wo sie in unserer globalisierten, leicht bereisbaren Welt an einem öffentlich zugänglichen Ort konservatorisch gut aufgehoben sind.

Das Beste wäre die Einigung auf einen Status quo des freundlichen Verbleibs an welchem gesicherten Ort auch immer. Das könnte die Aufmerksamkeit der Autoritäten auf den aktuellen illegalen Handel lenken. Da gibt es reichlich zu forschen und berechtigte Sorge zu hegen. Denn während die Antiken, die auf krummen Wegen ins Getty Museum gelangten, dort gut aufgehoben sind, werden tagtäglich im Irak, in Italien oder anderen mediterranen Ländern Schätze gehoben, gestohlen und in Umlauf gebracht, deren konservatorische Zukunft mehr als fragwürdig ist. Der Handel bedroht sie mehr als jeder illegale Aufenthalt in einem Museum.