Männer - ja, noch immer sind es leider die Männer - stellen sich vor Reisen Musik zusammen, wählen die passenden Urlaubskonserven aus, brennen CDs - früher nahmen sie Kassetten auf - fürs Auto und Meer, für toskanische Steinhäuser und griechische Bungalows. Und scheitern meist. Entweder überwältigen sie den Ort oder umschmeicheln ihn geschmäcklerisch oder ziehen einen musikalischen Zaun ums Grundstück und verwandeln das Ferne in die heimatliche Etagenwohnung. Selten, dass eine Musik, den Ort fremd lässt und ihn doch vertraut macht. Time Within Time, improvisierte Klaviermusik, die an Debussy erinnert, an Skrijabin, und doch von einem amerikanischen Jazzpianisten stammt, ist von dieser Art. Die linke Hand spielt einen müden Stride, einen melancholischen Boogie, die rechte schlendert durch Melodien, träumt Balladeskes. Da klingt vieles nach der eleganten Verzweiflung eines Bill Evans, nach der Flüchtigkeit eines Nachmittags, der unbemerkt in die Dämmerung übergegangen ist.

Sieht man den langen Marc Copland am Piano sitzen, dann hat sein Spiel etwas von der Präsenz eines James Stewart oder Gary Cooper, jener fließenden Trägheit, die man braucht, um staksige Größe nicht aufdringlich werden zu lassen. Dazu passt, dass der 57-Jährige als Saxofonist begann, erst Mitte der siebziger Jahre zum Klavier wechselte, aus der Zeit fiel und in New York als spätes Licht seit neun oder zehn CDs traumhafte Musik macht, unter anderem mit John Abercrombie, Dave Liebman, Kenny Wheeler oder Gary Peacock, im Trio, im Duo und jetzt wieder im Solo. Die Kunst des Solos - auf sein zweites Ich zu reagieren - könnte als ausgereizt gelten, diese Kunst, mit und gegen sich Schach zu spielen, und doch ist Marc Coplands Fähigkeit des Fortspinnens von Harmonien aus dem Geiste der Melodie von verblüffender Eigenheit. Ein durchscheinendes Footprints von Wayne Shorter, ein verschattetes Django von John Lewis, dazu Miles Davis' All Blues, eigene Kompositionen oder vier Versionen von Bernsteins Some Other Time - Copland betrachtet die Melodie wie der Maler ein Bild und versucht diesen Eindruck in der Erinnerung nachzuzeichnen. Immer gleich, immer neu. Vielleicht ist es das Besondere seiner Musik, dass sie durch die Wiederholung dieser Geste ihre eigene Zeit schafft, eine Musik ohne bestimmten Ort und daher für jeden Ort.

Marc Copland Solo: Time Within Time

(Hat Hut Records/hatOLOGY 613)