MÜNCHEN Da ist der Bär los
Christopher Böhm, 34, nimmt Stofftiere als Gäste auf und zeigt ihnen die Schönheiten von München
Unter www.teddy-in-munich.de bieten Sie Pauschalarrangements für Stofftiere an. Was verbirgt sich dahinter?
Das hat die Sachbearbeiterin beim Kreisverwaltungsamt München auch gefragt und dann fünf Minuten lang mit ihrem Chef verhandelt. Jetzt bin ich angemeldet mit Internet-Shop, Transport von Spielzeug und fotografischen Tätigkeiten. Ganz konkret: Kunden schicken mir zu einem verabredeten Termin ihr Stofftier und bekommen es nach einer Woche mit einem hochwertigen Fotoalbum zurück, das den Aufenthalt ihres Lieblings dokumentiert.
Im Film schickte die Pariser Fee Amélie für ihren Vater einen Gartenzwerg um die Welt, die Österreich-Werbung lässt auf Plakaten zwei Pinguine durchs Land touren. Und warum sollte der gemeine Teddy von nebenan auf Reisen gehen?
Viele Bären oder andere Stofftiere haben viel durchgemacht. Sie wurden platt gelegen, mussten Liebeskummer mit ansehen, oft monatelang unbeachtet im Regal sitzen, die Ohren sind angeknabbert, oder der Rücken hat einen Riss. Eine Reise ist eine tolle Gelegenheit, damit die Knopfaugen mal etwas anderes sehen.
Reisen Stofftiere denn überhaupt gern allein, ohne ihren gewohnten Begleiter?
Für viele Besitzer ist es in der Tat ein Problem, ihren Liebling einzupacken und zur Post zu bringen. Zum Oktoberfest können Stofftiere deshalb auch persönlich abgegeben werden. Während die Besitzer auf der Wies'n feiern, erleben die Tiere ein stofftiergerechtes Begleitprogramm. Und wenn ein Teddy gar nicht gern allein reist, darf auch schon mal ein Plüschfreund ohne Mehrkosten mitkommen. Auf der anderen Seite hat der Bär nach der Heimkehr eine Mördergeschichte zu erzählen.
Wen haben Sie als Kunden?
Die meisten sind Frauen zwischen 30 und 60 Jahren aus allen sozialen Schichten. Sie finden die Idee lustig und sind oft wohl auch einfach neugierig darauf, was ihr langjähriger Begleiter von seiner ersten Soloreise mitbringt. Die längste Anreise hatte ein Teddy aus Calgary. Nachdem sie das Fotoalbum vom Aufenthalt ihres Lieblings gesehen hat, will seine Besitzerin jetzt selbst nach München kommen.
Kann sich denn jeder eine Reise für seinen Teddy oder seinen Hasen leisten?
Mir schreiben auch Leute, die erst sparen müssen, bevor der Bär für 99 Euro all-inclusive auf Tour darf. Manche arbeiten dafür vielleicht extra hart.
Wie viele Kunden werden von Ihnen betreut?
Man kann sagen, dass ungefähr alle vier Wochen eine Reisegruppe mit acht bis zwölf Stofftieren zusammenkommt.
Was macht München so attraktiv?
Erst wollten wir die Tiere einfach bei unseren eigenen Reisen mitnehmen. Aber München und sein Umland sind bei Touristen so beliebt, dass es auch Stofftieren gefällt. Mit dem Hofbräuhaus, den Biergärten und dem Olympiastadion können wir viele Interessen abdecken.
Was unternehmen Sie mit Ihren plüschigen Gästen?
Bei einer normalen Reise - soweit man davon sprechen kann - holen wir die Tiere zuerst von der Post ab und machen sie miteinander bekannt, weil sie ja in der Gruppe reisen. Bei schönem Wetter werden sie im Bollerwagen durch München gezogen. Am Marienplatz, vor dem Rathaus oder andernorts werden sie einzeln oder mit ihrem besten Reisefreund fotografiert.
Sie bieten sogar Sport an?
Jedes Stofftier ist natürlich anders. In einem Fragebogen gibt der Besitzer deshalb an, ob es Weißwürste essen oder mit ins Hofbräuhaus kommen darf. Für die Mutigen organisiere ich Bungeejumping oder Paragliding an einem Drachen. Die Ängstlichen machen stattdessen einen Angel- oder Malkurs. Die Sicherheit geht in jedem Fall vor. Deshalb ist auch ein Bierzelt tabu.
Haben Sie selbst Teddybären? Gibt es da Neid gegenüber dem Logierbesuch?
Ich habe seit vielen Jahren einen alten Teddy. Und meine Freundin hat einige Plüschfreunde mit in die Beziehung gebracht. Ob die sich mit den Gästen zanken, wenn ich nicht hinsehe, weiß ich nicht. Eigentlich ist die Stofftiergemeinde aber sehr friedlich. Da sitzt das Krokodil einträchtig neben dem Plüschhasen. Das haben die uns Menschen voraus.
Interview: Martin Wein
- Datum 04.08.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.08.2005 Nr.32
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