Ich arbeite am besten bei Nacht. Ich schlafe lange und stehe spät auf. Deshalb schaue ich gelegentlich vor der Arbeit bei einer Matineevorstellung im Bahnhofskino der Union Station vorbei. Von meiner Wohnung auf dem Capitol Hill ist das ein Fußweg von zwanzig Minuten bergab.

Ausgerechnet im Union Station Cinema tritt der Preis für unsere Invasion im Irak uns leibhaftig vor Augen, hier verwandelt sich die Opfer-Statistik in eine Wirklichkeit aus Fleisch und Blut. Zu meiner liebsten Kinozeit kommt nämlich stets auch ein Bus vom nahe gelegenen Walter-Reed-Armeehospital an. Er entlässt seine Ladung amputierter und schrecklich entstellter Soldaten, auf dass Hollywood sie für ein paar Stunden weg von ihrem Leiden tragen möge. Sie sind jung, diese Verletzten. Sehr jung. Viele sehen so aus, als ob sie nach den strengen amerikanischen Jugendschutzgesetzen nicht einmal ein Glas Alkohol trinken dürften. Einige werden ihre Gläser nie mehr mit eigenen Händen erheben können.

Ich hatte die Gesichter dieser leibhaftigen verwundeten Soldaten im Kopf, als ich am vergangenen Mittwoch die erste Episode von Over There sah, einer neuen US-Fernsehserie über den Irak-Krieg. Over There ("Dort drüben") wird auf dem Kabelkanal FX ausgestrahlt, einem Ableger des Fernsehsenders Fox. Wer die Worte "Fox", "Irak" und "Fernsehserie" im gleichen Satz liest, dem darf man es nicht übel nehmen, wenn er eher an Leni Riefenstahl als an Erich Maria Remarque denkt. Und doch läge er mit seinen Assoziationen falsch. Diese Fernsehshow ist zwar keine Antikriegspolemik – doch den Rekruteuren des US-Militärs redet sie auch nicht nach dem Mund.

Die Truppen auf dem Fernsehbildschirm sind jung wie ihre Pendants aus der Realität – jung und erschrocken. Die meisten sind zur Armee gegangen, weil ihre Eltern es sich nicht leisten konnten, eine Ausbildung am College zu bezahlen. In der ersten Episode kämpfen zwei weibliche Soldaten mit, Seite an Seite mit den Männern, weil ihr Transportlaster von einer Landmine in die Luft gesprengt wurde. Die irakischen Gegner sind Aufständische, keine Terroristen. Als einer von ihnen gefangen wird, fragt er, ob er jetzt auch zum Foltern nach Abu Ghraib verschleppt werden solle.

Diese jungen Soldaten haben den Ausdruck auf ihren Gesichtern, den Soldaten tragen, wenn sie gerade jemanden umgebracht haben. Es ist ein besonderes Glühen, eine Freude, eine Erleichterung. Solche Gesichter habe ich zum letzten Mal 1999 gesehen, bei dem Bundeswehr-Leutnant Ferk und seinen Soldaten in Prizren, Kosovo. Sie hatten zwei angreifende Serben in einem Akt der Selbstverteidigung niedergeschossen. Ferk war später in allen Nachrichten und erhielt ein Bundesverdienstkreuz vom Bundespräsidenten. Die Soldaten im Irak erhalten auch ihre Medaillen. Doch kämpfen sie vor allem anonym und für das eigene Überleben. Für die Chance, nach einem, zwei, oder mehr Jahren wieder zu Hause zu sein.

Over There ist die Erfindung von Steve Bochco, dem angesehenen Schöpfer einer langjährigen, hyperrealistischen Kriminalserie namens NYPD Blue. Deren jüngste Folgen drehten sich beispielsweise um die Mitglieder einer New Yorker Mordkommission. Bochcos Krimishow hat die Polizei jedoch nie verherrlicht oder herabgesetzt. Sie hat ihr tägliches Geschäft gezeigt, im Guten wie im Schlechten. Sie hat klar gemacht, was es bedeutet, bei der New Yorker Polizei zu arbeiten. Dieses Gestaltungsprinzip wendet Bochco nun auch auf den Irak-Krieg an.

Die Frage lautet ja: Warum sollen sich die Amerikaner eine fiktionalisierte Fernsehshow über den Krieg anschauen? Können sie nicht stattdessen das Original rund um die Uhr in den Nachrichten betrachten? Die Wahrheit ist, dass Amerikaner kaum wissen, was im Irak passiert. Amerikanische Fernsehjournalisten stehen unter strenger militärischer Zensur. Sie sind der ständigen Gefahr ausgesetzt, getötet oder von irakischen Aufständischen entführt zu werden. In den meisten Fällen sitzen die Reporter schlicht in der verbarrikadierten Grünen Zone von Bagdad. Sie berichten aus dieser relativen Sicherheit, so gut es eben geht.

Deshalb könnte die an der Realität orientierte Erzählung von Over There etwas erreichen, das die amerikanischen Medien in den vergangenen zwei Jahren nicht geschafft haben. Sie könnte dem Durchschnittsamerikaner erklären, was wirklich "dort drüben" passiert. Die öffentliche Begründung für den Einmarsch im Irak war reine Literatur. Warum sollte Fiktion nicht auch einmal helfen, die Wahrheit zu vermitteln?