Mit ihrem Betroffenheitsgestus und ihrem Hang zum offensiv Menschelnden wirkt die grüne Parteivorsitzende Claudia Roth manchmal wie ein Relikt aus den Urzeiten der Alternativbewegung. An der Spitze einer recht pragmatisch gewordenen Regierungspartei nimmt sie sich deshalb oft ein wenig deplatziert aus. Die Lücke zwischen der Inszenierung grüner Ursprünglichkeit und der ernüchternden Realität ihrer Partei hat durchaus etwas Provozierendes. Als Journalist kann man das beschreiben, entschlüsseln, kritisieren.

Warum aber sollte man Claudia Roth für die Art, in der sie Politik betreibt, mit Verachtung strafen und niederschreiben - so geschehen in der jüngsten Ausgabe des sterns. Da wird der grünen Vorsitzenden an karrieristischer Berechnung das Mieseste unterstellt und zugleich jegliche politische Ambition abgesprochen: alles Fassade, kein eigener Gedanke. So apodiktisch formuliert, kann es sich eigentlich nur um ein Vorurteil handeln. Es ist so banal wie abgedroschen: Politikern geht es ausschließlich um Karriere, alle anderen Motive sind vorgeschoben.

Man kann die Themen, derer sich Claudia Roth in den vergangenen 20 Jahren angenommen hat - Menschenrechte, Einwanderung, Rüstungsexporte -, für unzeitgemäß halten, man kann bezweifeln, ob ihre Art, sie zu verfolgen, heute noch wirkungsvoll ist oder ob der Parteichefin das Urgrüne noch ähnlich am Herzen liegt wie in früheren Zeiten. Aber warum man die grüne Politikerin zu einer Art politischem Nichts stilisieren muss, das nun als sinnentleerte Wahlkampfmaschine sein Unwesen treibt, ist schon eine Frage ans journalistische Selbstverständnis wert. Es ist ja nicht das erste Mal, dass der stern-Autor Arno Luik eine Politikerin der Grünen zum Objekt eines Journalismus macht, dem die Verachtung aus allen Poren quillt. Was er über die grüne Vorsitzende sagt, ließe sich wohl zuerst über einen Journalismus sagen, dem das verletzend-böse Ressentiment zur entscheidenden Triebfeder zu werden droht: Irgendetwas nervt schrecklich.