Es ist heiß. Die Sommersonne glüht die Steine aus, das Getreide dorrt. Der Hund des Schäfers ist bereits von einer Viper gebissen worden. Überall sind sie zu finden, unter jedem Stein. "Man könnte glauben, die Erde selbst speie Gift." Niemand widerspricht Marcantoni, er hat siebzig Lebensjahre auf dem Buckel.

Wenige Pinselstriche reichen aus – und wir sehen dieses Dorf irgendwo in der Mitte Italiens vor uns, in der Hitze dämmernd, entvölkert von Wellen der Emigration. In der Mitte die Piazza, die klapprige Bar, ein Mäuerchen mit Aussicht ins Tal, abendlicher Treffpunkt für die wenigen, die hier ausharren. Und nur wenig fehlt, um das scheinbar immer währende Gleichgewicht dieses winzigen Ortes mit seinen siebenundzwanzig ständigen Bewohnern – Katzen, Esel und Hühner nicht gerechnet – zu stören. Die Vipern sind schon da, auf der Suche nach Wasser herabgekrochen aus den Bergregionen, als Matteo Vannoni nach fünfzehn Jahren Gefängnis zurückkehrt. Montesecco verfällt in lauernde Unruhe. Plötzlich werden die Scherzworte genauer gewogen, die Hänseleien, mit denen man sich den Feierabend vertreibt, sorgsam dosiert: Nichts aufrühren!

Was wird geschehen, wird etwas geschehen? Vor fünfzehn Jahren hat Matteo seine Frau erschossen. Er hatte sie mit einem Liebhaber im Bett erwischt. Der Ehebrecher, der mit nacktem Hintern aus dem Fenster springen konnte, lebt noch immer in Montesecco. Matteos kleine Tochter ist zu einer jungen Frau geworden – und schwanger von jemandem, den sie nicht nennen will. Man muss als Leser nicht siebzig geworden sein, wie der alte Marcantoni, um das Unheil zu spüren, das sich zusammenbraut.

Doch es ist nicht der gehörnte Matteo, der späte Rache nimmt an dem Mann, der ihm Frau und Familie raubte. Giorgio Lucarelli, der auch nach der Affäre mit Matteos Frau den Don Juan spielte, wird beim Beschneiden seiner Ölbäume von einer Viper gebissen. Zu weit ab vom Dorf liegen seine Terrassen, er schafft es nicht mehr rechtzeitig, sich im Krankenhaus der Stadt ein Gegengift spritzen zu lassen. So jedenfalls sieht es die Polizei: ein bedauerlicher Unfall in einem vipernreichen Sommer.

"Es lebe die Viper!", feiert jemand im Stil der Roten Brigaden

Doch Montesecco sieht es anders. Zunächst ist es der alte Carlo, der Vater des Toten, der Aufklärung bis zum Letzten verlangt und schwört, den Leichnam nicht eher zu begraben, bis der Schuldige gefunden ist. Dann häufen sich die Ereignisse. Die Todesanzeige ist mit Parolen beschmiert: "Es lebe die Viper!", feiert jemand im Stil der Roten Brigaden. Voll Furor rast der alte Carlo mit dem Motorrad gegen einen Baum; am Tor zum Dorf hängt eine Viper; Constanza Marcantoni, die Kräutersammlerin, findet eine zerschmetterte Schlange dort, wo der gebissene Giorgio gearbeitet hat, aber nicht gefunden wurde.

Es gibt Bücher, in denen man sich von der ersten Seite an zu Hause fühlt, die man liest, als würde man sie nach Jahren wieder lesen: Aus der Erinnerung tauchen vertraute, aber versunkene Details auf, man amüsiert sich über die verspielten Windungen, die der Verlauf der Erzählung nimmt. So ein vertrautes Buch ist Bernhard Jaumanns Die Vipern von Montesecco. Jaumanns Gemälde eines halb verlassenen, halb archaischen Dorfes ist fein gezeichnet und genau beobachtet, zahllose Details machen ein vertrautes Muster lebendig.