Kriminalroman Ein Dorf sucht seinen MörderSeite 2/2

Jaumann erzählt die Geschichte einer kleinen, seit Generationen miteinander lebenden Gemeinschaft, die, auf sich allein gestellt und allein gelassen von einem versagenden Staatsapparat, zurückkehrt zu Verfahren der Rechtsfindung, die vor Einführung des bürgerlichen Gesetzbuchs galten. Montesecco sucht seinen Mörder – auf dörfliche Weise. Auf der Piazza erklingt nicht der Ruf nach dem Staat wie in Fritz Langs M – eine Stadt sucht einen Mörder, wo gleich in einer der Szenen ein Stammtischkrieger geifert: »Dich bring ich ins Zuchthaus!« Vielmehr wird die ortsfremde Polizei ausgesperrt, die Leichen von Vater und Sohn Lucarelli werden in der Tiefkühltruhe der Bar dem staatlichen Zugriff entzogen. Hier gilt – akzentuiert durch Anspielungen auf die Antigone des Sophokles – älteres und menschlicheres Recht. Nach den mit Ortskenntnis schlau betriebenen eigenen Ermittlungen wird das Urteil gefällt: als Gottesurteil und vor der Gemeinschaft. Und der Mörder stellt, indem er seinem eigenen Gesetz unbedingter Leidenschaft folgt, im Sterben das gestörte Gleichgewicht wieder her. Bernhard Jaumann gehört, trotz Auszeichnung mit dem Glauserpreis 2003, zu den Stillen im Lande. Immer wieder bezaubert er durch kluge, feinsinnige Erzählweise und beobachtungsgenaue Sprache. Die Vipern von Montesecco ist ein wunderbares Buch für den Urlaub – und zum Wiederlesen.

Die Vipern von MonteseccoKriminalromanBelletristikBernhard JaumannBuchVerlag Gustav Kiepenheuer2005Berlin18,90276
 
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