Was ist eine "Tatsache"? In unserer Epoche mit ihren erbitterten Auseinandersetzungen um die Realität werden auch die "Tatsachen" und ihre enge Verwandte, die "Wahrheit", in den Kampf geschickt. "Die Tatsachen sprechen für sich", pflegen Historiker, Politiker und Kolumnisten gern zu sagen, aber Tatsachen können nicht sprechen – sie müssen interpretiert werden. Nach der Heisenbergschen Unschärferelation stellt sich das beobachtete Objekt aber je nach Standpunkt des Beobachters immer anders dar. Wie eine Tatsache beschaffen ist, hängt vom Interpreten ab.

Das erste Opfer im Krieg, sagte Aischylos vor dreitausend Jahren, ist die Wahrheit. Solide, zuverlässige Tatsachen und objektive Wahrheiten, ohnehin schwer zu bestimmen, sind in Zeiten verschärfter Konflikte kaum noch klar zu erkennen. Der Krieg gegen den Terror ist ein neuartiger Konflikt, aber Wahrheit und Tatsachen stehen unter heftigem Beschuss von allen Seiten und erleiden schwerste Verwundungen.

Zum Beispiel die Affäre Guantánamo. Im Mai bezeichnete amnesty international das amerikanische Gefangenenlager als den "Gulag unserer Zeit", was zu einer wütenden Reaktion der US-Regierung führte, doch schon bald lenkte amnesty ein. Der konservative Kolumnist Charles Krauthammer verteidigte "unsere bemerkenswert humane und tolerante Behandlung der Gefangenen in Guantánamo". Stunden später forderte der demokratische Senator Joseph Biden jedoch die Schließung des Gefangenenlagers, weil es das "größte Propagandainstrument zur Rekrutierung von Terroristen auf der ganzen Welt" geworden sei.

Unterhält die Bush-Regierung weltweit Gefangenenlager?

Oder der Newsweek- Artikel über die Koran-Schändungen in Guantánamo, der Protestkundgebungen in der muslimischen Welt auslöste, die zu einer wütenden Reaktion der US-Regierung führten, und schon bald lenkte Newsweek ein. Doch nur wenige Tage später räumte das US-Militär ein, dass es tatsächlich zu mehreren Koran-Schändungen durch US-Soldaten gekommen sei (rätselhafterweise auch zu fünfzehn Schändungen und Beschädigungen durch Gefangene). Und dann stellte sich heraus, dass in den westlichen Medien mindestens sieben Berichte über ähnliche Vorfälle bereits erschienen waren.

Krauthammer schreibt: "Wenn es Schändungen des Koran gegeben hat, sollten wir das sagen und unser Bedauern ausdrücken … Dann sollten wir die Sache begraben, mit den Selbstanklagen aufhören und anfangen, uns zu verteidigen." Der demokratische Senator John Kerry wirft der US-Regierung jedoch vor, das Klima und die Voraussetzungen geschaffen zu haben, in denen die Misshandlung von Gefangenen in Guantánamo und Abu Ghraib möglich geworden sei. Senator Arlen Specter, der Vorsitzende des Rechtsausschusses, will ein Hearing zu Guantánamo veranstalten. Und William Schultz, Direktor der amerikanischen Sektion von amnesty international, räumt zwar ein, dass das Wort Gulag nicht wörtlich zu verstehen sei – ein Gulag war, im Gegensatz zu Guantánamo, ein Arbeitslager –, behauptet aber nach wie vor, dass die USA "einen weltweiten Archipel von Gefangenenlagern unterhalten, in denen Personen verschwinden und auf unbestimmte Zeit festgehalten werden, ohne dass Anklage gegen sie erhoben wird. Zumindest von einigen Fällen wissen wir, dass die Betreffenden vergewaltigt, gefoltert, ja sogar getötet werden."

Den moralischen Aspekt einmal beiseite gelassen – selbst das Fundament der Tatsachen wird von Tag zu Tag konfuser, irritierender, verworrener. Aber wie gesagt, interpretationsunabhängige Tatsachen gibt es nicht.

Der Standpunkt der amerikanischen Konservativen, Urheber von "konservativen Fakten", lautet etwa so: Wir befinden uns im Krieg, und diese Gefangenen sind unsere erklärten Todfeinde. Warum dieses ganzes Theater um die Behandlung von Leuten, deren Bundesgenossen ihre Gefangenen enthaupten? Und warum empört sich niemand, wenn in vielen islamischen Ländern die heiligen Schriften von Christen und Juden entweiht werden?