Interview

Das Problem hinter der Lösung

Jonathan Franzens Buch »Schweres Beben« erscheint in diesen Tagen auf Deutsch. Es ist ein früher Roman des Autors der »Korrekturen« und zeigt einen ziemlich anderen Franzen, findet jedenfalls er selbst. Eine Rezension und ein Gespräch mit dem amerikanischen Autor

Skrupulös – ist das nicht eine Grundeigenschaft von ihm? Skrupulös sowohl im Sinne höchster Genauigkeit als auch im Sinne moralischen Anspruchs? Sollte ich mit dieser Vermutung ins Schwarze getroffen haben? Franzen zieht eine eher unwillige Grimasse. Wie ich das meine? Nun ja – immerhin hält man jetzt schon den dritten Franzen-Roman von nahezu kosmischem Umfang in Händen. Immerhin hat der Autor selbst im Interview eben einen Gedanken aus Thomas Manns erwähnt. Hat Karl Kraus zitiert und gefragt, ob er mir den Essay hersagen solle, er könne ihn auswendig. Spätestens hier wird klar, dass ich es nicht einfach mit einem belesenen, sondern einem süchtigen Germanisten zu tun habe; einem, den diese Passion als jungen Studenten für ganze zwei Jahre nach Deutschland geführt hatte. Und der jetzt, kaum sind wir ins Gespräch gekommen, am großen Tisch im Wohnraum, über deutsche Literatur mit einer Inbrunst und Detailkenntnis spricht, die man wohl – in einem positiven Sinne – als skrupulös bezeichnen könnte. Oder?

Jonathan Franzen lebt mitten in Manhattan. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin hat er eine Wohnung in einem dieser New Yorker Wohntürme, in denen man gar nicht ohne weiteres weiter als bis in die vom Portier bewachte Eingangshalle kommt. Lautlos war der Lift nach oben geschwebt, dann war eine Wohnungstür aufgegangen, und ein großer schlanker Franzen, mit genau dem glatten, jungenhaften Gesicht, das man längst zu kennen meint, hatte geöffnet. Er ist hellwach und zugewandt, Frage um Frage sorgsam entgegennehmend, seine Antworten bedächtig auf ihre Richtigkeit abhörend.

DIE ZEIT: Jonathan Franzen, wie entstand Ihre enge Verbindung zu Deutschland?

Jonathan Franzen: Meine literarischen Vorbilder sind deutsch: Kafka die Nummer eins, dann Karl Kraus, Goethe, Thomas Mann. Sie alle waren mir ungemein wichtig. Einiges in der 27sten Stadt, auch einiges in den satirischen Passagen von Schweres Beben ist von Karl Kraus gestohlen. Thomas Manns feine Ironie gefiel mir immer sehr gut. So habe ich mich lange als eine Art deutscher Schriftsteller betrachtet.

ZEIT: Was haben Sie mitgebracht aus diesen deutschen Jahren?

Franzen: (grinst) Zigarettenabhängigkeit, gewachsene Alkoholtoleranz, Skepsis über Amerika, Gewissheit, dass ich lieber in Amerika als in Europa leben möchte. Ich kam nach Hause, geheilt von meiner Sehnsucht, in der Alten Welt zu leben.

Ich kam zurück mit einem sehr deutschen Konzept von Literatur, was nicht schlecht ist, aber dieses Spielerische, auch Unsinnige, Amerikanische, das fehlte mir. Ich kam zurück und nahm mit geschärften Sinnen das Witzige wahr. Das war 1982. Ich war 23 und wollte an einen Ort, an dem ich mich als junger Mensch willkommener fühlen würde. Ich heiratete und zog nach Boston.

»Boston… Ich meine, jede Woche hört man von einem neuen, unglaublich vertrackten Verbrechen. Und irgendwie schaffen es all die Leute, die Boston für ein Zentrum von Kultur und Bildung halten, keine Notiz davon zu nehmen. Sie sehen nur diese nette, überschaubare, sichere Stadt, die wie New York ist, nur besser. Aber wenn ich hinschaue, dann sehe ich offenen Rassismus und ein lausiges Klima und erhöhte Krebsraten und miserable Autofahrer und ein Hafenbecken voller Abwässer, und ich sehe all die jungen Mütter mit ihren schicken Saabs in Cambridge, die sich nicht mehr einkriegen vor lauter Glück, in Cambridge zu sein.«

Renée Seitchek, eine der beiden Hauptfiguren in Schweres Beben, jenem Roman, der zehn Jahre nach Franzens Rückkehr aus Deutschland in den USA erschien, schaut grundsätzlich unter die Oberfläche der Dinge. Die 30-jährige Seismologin hat erkannt, dass die wiederholten Beben um Boston vermutlich keine Spiele der Natur sind – es könnte sich auch um eine Erdreaktion auf Einleitungen verseuchter Abwässer handeln, die ein Chemiekonzern seit Jahrzehnten möglicherweise durchführt. Hoch geheim, versteht sich – und als Renée sich mit großer Hartnäckigkeit auf die Spur dieses schmutzigen Geheimnisses begibt, geht es ihr irgendwann selbst an den Kragen.

Ein Verbrechen dicht unter der Oberfläche einer städtischen Normalität. Die Verschwörung skrupelloser Bosse. Die schrittweise Aufdeckung, entlang derer die »guten« integren Protagonisten in Lebensgefahr oder ums Leben kommen, nicht bevor ihr eigenes Lebenskonzept gründlich ins Schlingern geraten ist und sie sich selbst im Faszinosum der »bösen« Welt der Mächtigen und Reichen verfangen haben. Diese Bausteine kennen wir: Auch Franzens erster Roman, Die 27ste Stadt, war aus ihnen konstruiert, und im Vergleich mit den wild gewordenen indischen Edelterroristen in St. Louis geht es in Boston vergleichsweise ruhig zu. Franzen hat in seinem zweiten Roman bereits entrümpelt, aber immer noch finden wir uns in einem Dschungel an Themen, Figuren und Verknüpfungen wieder, der den Anspruch dieses Autors spiegelt, via Roman einen Kosmos zu erschaffen, in dem so gut wie kein Aspekt gegenwärtiger amerikanischer Lebensrealität fehlen darf; in dem von der intimen Großaufnahme einer Person bis hin zur Vogelperspektive alle Einstellungen durchgespielt werden.

Irgendwann hatte Renée Louis Holland kennen gelernt: Der 23-Jährige kämpft sich gerade von seiner Familie frei, der hysterisch selbstbezogenen Mutter Melanie und der in ihrem Windschatten segelnden Schwester Eileen, dem in Marihuana-Träumen stecken gebliebenen Vater Bob. Renée und Louis finden einander im bohrenden, sehnsüchtigen Blick unter die Oberfläche der Dinge. Mit diesem Blick fühlt sich Renée jenseits ihres nur mittelhübschen Äußeren von Louis erkannt; mit ihm folgt Louis ihr in die Untiefen des kriminellen Szenarios, das nur sie zu sehen scheint.

Renée und Louis sind die Fliehkraft in diesem von Schwerkraft bleiernen 685-Seiten-Opus; sie sind, was treibt und was den Machenschaften der gierigen Kapitalisten und der religiösen Fanatiker entgegensteht; der massiven Kraft des Etablierten und Erstarrten, dem allmächtigen Gift Geld. Sie sind die Achse der Romanwelt, und es gefällt dem Autor, um sie herum nicht weniger als ein Welttheater einzurichten: Vorhang auf für das Innenleben von Harvard und die Hinterzimmerskandale des Chemiekonzerns; die Ahnengeschichten von Louis’ Familie und die ökonomisch-politische Wetterlage Amerikas in den siebziger Jahren; für den Alltag bei privaten Radiosendern, im religiösen Lager der Abtreibungsgegner, für das Leben eines Waschbären in der Stadt und die Spiele der Red Sox. Der Erzähler geht bis zu den Indianern zurück und lässt ihr genügsames Leben schön wie die Schöpfungsgeschichte klingen, um seine bittere politische Sicht zu pointieren: dass Amerika seit der Ausrottung seiner Ureinwohner stetig reicher, mächtiger und böser geworden ist.

ZEIT: Jonathan Franzen, haben Sie als Schriftsteller etwas wie einen moralischen Auftrag?

Franzen: Früher – also auch zur Zeit des Schweren Bebens – hätte ich das rückhaltlos bejaht. Heute sehe ich das anders. Lange hielt ich Leser wohl eher für dumm, angewiesen darauf, von mir erhellende Einsichten zu erhalten. Wenn ich heute auf meinen Roman Schweres Beben blicke, fühle ich mich mit dem meisten darin noch immer wohl. Aber es gibt Passagen, da finde ich: Oh, nein! Das klingt viel zu sicher, viel zu zeigefingerhaft.

Heute fühle ich mich eher verantwortlich dafür, meine eigene Verwirrung, meine eigenen Versuche zu verstehen, ehrlich mitzuteilen. Dann kann ein Leser seine eigene Suche darin erkennen und sich vielleicht weniger abnormal, weniger allein fühlen. Was Schriftsteller geben können, ist genau diese urpersönliche Unsicherheit.

ZEIT: Ihre Romane spielen nicht nur stets in der Gegenwart; sie sind dem aktuellen politischen und gesellschaftlichen Geschehen so dicht auf den Fersen, wie es die zeitliche Verzögerung des Schreibens nur eben erlaubt. Was bedeutet es für Sie, dass ein Buch von 1992 jetzt, im Jahre 2005, erstmalig auf dem deutschen Markt erscheint?

Franzen: Schreiben heißt, in einem leeren Raum allein zu sein, und ich würde verrückt werden, wenn ich mich dann nicht wenigstens mit dem Zeitgeist verbunden fühlte. Ich kann es also nicht anders.

Es war einer der Glaubenssätze von Karl Kraus, dass das Aktuelle – er meinte besonders die Tagespresse – über Nacht stirbt. Alles, was einen Blick von weiter her auf die Dinge wirft, mag heute sogar dunkel erscheinen, schwer verständlich und vielleicht erst zehn Jahre später sich wirklich erschließen . Ich würde sagen, dass das beste Schreiben aus einer Art intimen Kampfes mit der Realität entsteht, in der sich der Schreiber befindet – und nur dieser Kampf kann einen hoffen lassen, dass man auch noch 20 Jahre später lesbar ist, wenn die unmittelbare Aktualität nicht mehr gegeben ist; aber die Art und Weise, wie dieser Kampf ausgefochten wurde, vielleicht etwas Wichtiges enthält.

ZEIT: Es gibt also etwas Zeitloses oder Zeitunabhängiges?

Franzen: Nehmen Sie Paula Fox’ Roman Desperate Characters , über den ich mehrfach geschrieben habe. Die Welt ist in vielerlei Hinsicht zum Kotzen oder zum Heulen, und das genau, über das man heulen könnte, verändert sich, aber jemand, der wie Paula Fox’ Protagonistin Sophie Bentwood ein umfassendes Gefühl der Verzweiflung über das Leben in der Moderne ausdrücken kann, bleibt weiter aktuell.

ZEIT: Wie sehr Sie trotzdem ein Autor sind, dem Entwicklung, Veränderung und die Markierung dieser Veränderung sehr wichtig sind, wird deutlich in den ausdrücklichen Distanzierungen, die Sie gegenüber früheren Positionen einnehmen: zum Beispiel jenem großen, berühmt gewordenen Harper’s Essay von 1996.

Franzen: Ein Schriftsteller-Freund sagte mal zu mir: Denk dran, wir schreiben zur Unterhaltung der Menschen. Bücher sind Gegenstände, die Menschen in ihrer Freizeit benutzen. Sie sind keine Krankenversicherung, sondern etwas für Menschen, die sich diese Zeit nehmen können und unterhalten werden wollen. Der Harper’s Essay hat in glühenden Worten das Lesen als eine Art Allheilmittel verfochten. Diesen Wahrheitsanspruch verspüre ich nicht mehr.

Der Boden unter Renée, der Romanheldin, kommt schwer ins Wanken. Die Türklingel hatte geläutet, sie war hingegangen, es ist für dich, sagt sie zu Louis, es ist Lauren. In der Tür steht die 22-Jährige mit den langen Beinen und einem Strohköfferchen. Im Haus – und zwar so, dass nur Louis sie sehen kann – steht Renée, die Ältere und Unhübschere, die kluge, sensible, tiefgängige Frau, bei der einzuziehen er gerade im Begriff war. »Sie gestikulierte ungeduldig: Was ist? Worauf wartest du noch!« Louis, beide im Blick, hat nichts mehr im Griff; sein Verrat zieht Renées sofortigen Abschied nach sich. Dass es Louis und Renée, die beiden Antriebskräfte des Romans, auseinander katapultiert, ist ein geschickter erzählerischer Kunstgriff. Fortan laufen – vorerst – zwei Hauptstraßen neben- und hintereinander her; auf der einen die kühne verzweifelte Einzelkämpferin Renée; auf der anderen Louis, der noch mal maulwurfartig unter die Erde seiner Familiengeschichte muss, um zu durchwühlen, was er dann beiseite schafft.

Und hier hat der Roman sein bestes Stück: das Porträt einer Familie nicht nur als Summe höchst verschiedener Einzelwesen – Melanie, Bob, Louis und Eileen –, sondern als eines großen Körpers, der einmal unter bestimmten Umständen begonnen hat zu wachsen und dann hier Auswüchse und dort Verkrümmungen entwickelt hat, gemäß seinen Grenzen und getreu dem Gesetz, überleben zu müssen. Bis die Kinder groß sind, an der Schwelle zum selbst verantworteten Leben, und sie noch einmal gnadenlos hervortreiben: die entstellte Gestalt dessen, was diese Familie ist. Man blickt klar und ungeschont auf das unrettbar Traurige dieser »Normalität«.

Hier ist Franzen – die »Familienaufstellung« der Korrekturen vorwegnehmend – am besten, weil ihn sein manisches Interesse am perfekten Plot verlässt und er zweckfrei erzählt. Mühelos wird hochdifferenziertes Wissen um psychodynamische Zusammenhänge in Literatur verwandelt. Und man erkennt sie wieder, diese verflixt vertrauten Leute, die jetzt so tun müssen, als seien die 1440 Minuten eines Tages dazu da, um das Klein-Klein von Geldgeschäften, Garderobe und Essensverabredungen zu organisieren, weil sie sonst spüren würden, dass es vor langer Zeit einmal die Möglichkeit gegeben hat, diese 1440 Minuten auch zu nutzen, um so sensible Geschöpfe wie Offenheit, Wertschätzung und Liebe am Leben zu erhalten.

ZEIT: Wie weit sind Sie bereit, dem Lesepublikum in seinem Bedürfnis nach guter Unterhaltung entgegenzugehen?

Franzen: Deutsche haben eine hohe Toleranz, den Spaß auch im Anstrengenden zu finden. In Amerika soll der Schriftsteller vor allem ein guter Entertainer sein. Seinen Lesern eine gute Zeit verschaffen. Wenn bei einer Lesung der Saal voll ist, tausend Leute, und ich merke, sie hören zu, sie amüsieren sich, dann macht mich das glücklich. Ich finde es wichtig für Schriftsteller, darüber nachzudenken, mit welchen Mitteln der Unterhaltsamkeit sie gestresste Leser erreichen wollen.

Die Unaufrichtigkeit kriecht herein, wenn man anfängt, so zu tun, als wäre Lesen und Schreiben just a happy-healthful thing: »Lesen ist Spaß«, wie der Slogan einer ziemlich widerwärtigen Kampagne hierzulande heißt. Wenn ich mich schneide, ist dies eine Wunde, die verheilen wird. Die Tatsache aber, dass wir eine mit überstarker Bewusstheit ausgestattete Gattung sind; wilde Tiere, mit dem Tod konfrontiert – das ist etwas, das nicht wegzuheilen und wegzulügen ist.

ZEIT: Wie aber lösen Sie den Widerspruch: mit todernsten Themen umzugehen, ohne dabei zu ernst zu klingen?

Franzen: Das Gegenstück zu »ernst«, das ich suche, ist ja nicht »unernst«, unbetroffen, oberflächlich; für mich hieße es: »meiner selbst bewusst«. Also vor allem: meiner eigenen Unvollkommenheit bewusst und also mit der Frage konfrontiert, welchen Platz ich dieser Unvollkommenheit in meinen Texten einräume. Mir selbst auch ein wenig belustigt zugucken – vielleicht ist das mein Weg.

ZEIT: Wie nahe fühlen Sie sich Deutschland heute?

Franzen: Ich fühle Deutschland und meiner deutschen Prägung gegenüber ähnlich, wie ich meinen Eltern gegenüber empfinde: Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Durch Deutschland und deutsche Literatur bin ich zum Autor geworden. So fühle ich diese Zuneigung für das Land, seine Sprache und Literatur. Aber ich bin eben auch woanders gewesen, ich bin Amerikaner. Früher, wenn ich meine Eltern in St. Louis besuchte, erzählte ich ihnen von New York. Sie kannten es nicht, ich wusste, dass sie skeptisch waren und dass viele ihrer Freunde schlecht über New York denken. So fühlte ich mich verantwortlich, eine Art Botschafter von New York nach St. Louis zu sein; ich fühle etwas ganz Ähnliches jetzt angesichts der Anti-Amerika-Stimmung in Deutschland: Da haben wir amerikanischen Autoren eine wichtige Aufgabe, zu sagen, Bush ist das eine, und dann gibt es viele andere…

Und dann kommt tatsächlich das schwere Beben – als großes Finale der Inszenierung, als ihre Krönung und Bündelung. Nach der Katastrophe beruhigt sich, was gebebt hatte, und das ist natürlich nicht nur die Erde gewesen.

Jonathan Franzen nutzt die Tradition vom Roman als Hohlspiegel der Gesellschaft so obsessiv, als wollte er sie an ihre Grenze treiben; erschlagend kenntnisreich, detailbesessen und mit einem Schuss Größenwahnsinn. Es wird erzählerisch ungemein viel aufgewendet, um die inneren Zusammenhänge und symbolischen Ebenen des schweren Bebens zu organisieren und miteinander zu verknüpfen. Aber eben: Es wird zusammengehängt, statt dass es sich selbst zusammenhängt. Eine exzessive Gründlichkeit schüttet nicht nur Leerstellen zu, um die man manchmal dankbar wäre, sondern verbaut auch den Raum um die schönen Sprachbilder; umso bedauerlicher, als es dem Übersetzer Thomas Piltz gelingt, diese wuchernde Poesie kongenial in ein anderes Sprachland hinüberzutransportieren: »…die ersten Studenten treffen ein. Sie haben Kaffeebecher in der Hand und bewegen sich vorsichtig, als wateten sie durch einen vom Treibgut der Träume verursachten Rückstau der Nacht.«

Man hört einem um die Welt und ihr Fortbestehen besorgten Autor zu – aber auch einem gar versöhnlichen, der einen hohen Tribut an populären Geschmack und Happy-End-Sehnsucht zu zahlen bereit ist. Der alles vereinbaren will und jedem seins geben: den wissenden Pessimisten ihre Weltuntergangsbilder und den Gebildeten einigen Lernstoff, den Romantikern eine kurvenreiche Liebesgeschichte und den Spannungssüchtigen einen Krimi; den unbelehrbaren Idealisten zwei politisch bewegte junge Leute und den Psychos die brillante Entfaltung einer Familiendynamik. Denen schließlich, die vor allem locker unterhalten werden wollen, eine lässig-lakonische Schreibe. Was der Autor in großer Aufrichtigkeit über sich selbst sagt, ist als Grundfigur auch in dem 13 Jahre alten Roman erkennbar: dass er heftig hin- und hergerissen ist zwischen einer ernsten Mission und der Sehnsucht nach einem anderen Selbstbild als dem des ernsten Missionars.

Es zeichnet Jonathan Franzen aus, dass er sich überhebt – er tut es immer wieder –, aber natürlich entsteht dabei kein exzellentes Buch. Mehrere Figuren und Situationen werden eindeutig nur deshalb aus der erzählerischen Wundertüte gezogen, um den nächsten Handlungsschritt zu befördern. Auch für einen Roman könnte gelten: Wo ein Gebäude höher werden soll, als die Mittel reichen, wird man auf billigen Zement zurückgreifen müssen: Klischees, Konstruktionen, die knirschen und quietschen, Figuren, deren vielschichtige Lebendigkeit in dem Maße verloren geht, wie sie als Ideenträger überlastet werden.

Einer wie Jonathan Franzen schiebt das Maß des Machbaren hinaus; legt die Latte höher, was alles in einen Roman passen und miteinander verbunden werden kann – aber neben diesem Erzähl-Außen gibt es auch einen Innenraum des Erzählens, aus dem heraus Schriftsteller(innen) manchmal den unglaublichen Eindruck vermitteln, sie hätten etwas geschehen lassen und nicht nur wie die Wahnsinnigen geschuftet. Sie machen uns unser eigenes Leben vernehmbar. In diesem Raum besteht der junge Franzen, Autor von Schweres Beben , nicht. Er ist – oder war 1992 – einfach zu perfekt, um richtig gut zu sein.

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    • Von Bernadette Conrad
    • Datum
    • Quelle (c) DIE ZEIT 04.08.2005 Nr.32
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