Ruuudi, sagt die Frau in dem pinkfarbenen Kostüm mit den großen weißen Knöpfen und dem gefährlich engen Rock, einmal nur, bitte, in all den Jahren habe ich mich das nie getraut. Dann streckt sie die Arme aus und wickelt sie Rudolf van der Lak um den Hals und versucht so etwas wie eine Umarmung. Und Rudolf van der Lak lässt es geschehen und schaut so, wie er den ganzen Abend lang geschaut hat, wie er immer geschaut hat, leicht distanziert, ein wenig traurig, sehr gütig. So ist er durchs Leben geglitten. Er schien zu schweben.

Selbst mit einer pinkfarbenen Westberliner Bonbonniere um den Hals. Und der Raum ist voll davon, voll von Frauen in bunten, quadratischen Kostümen und Männern mit hellbeigen Sakkos, voll von jenen Bewohnern der Stadt, die immer noch in einer Zeit leben, die längst vorbei ist. Hier haben sie sich getroffen, in diesem grünen Hinterzimmer mit dem Stuck an der Decke, an diesen schwarzen Tischen, auf diesen roten Sesseln, an diesem Tresen, den Hans Scharoun vor 50 Jahren entworfen hat. Vorn wurde Gegenwartskunst gezeigt, und hinten saß dann Bubi Scholz oder Klaus Kinski oder der Nobelpreisträger Otto Hahn. Die Bar hinter der Galerie Bremer in der Fasanenstraße, das war in den Fünfzigern eine Legende, später ein Mythos, jetzt ist es Geschichte. Immer war diese Bar Rudolf van der Lak.

Es ist schrecklich, sagt er, in diesem eigentümlichen Sprachgesang, der nach Surinam klingt, wo er herkommt, der das Deutsche zum Tanzen bringt. Es ist schrecklich, wie die Leute vergessen. Alle waren sie hier, alle, der Billy Wilder ...

Ruuudi, sagt eine Frau und greift sich die schöne, dunkle Hand dieses Mannes, der, man glaubt es nicht, bald 85 Jahre alt sein soll, der ein bisschen müde sein darf und deshalb die Bar schließt. Er hat einen fein geschnittenen grauen Bart, er hat ein Gesicht wie eine Erinnerung, er hat ein edles hellblaues Hemd an, er trägt seinen Körper wie einen eleganten Anzug.

Er war einmal Sänger, er war vor allem der Barmann hier. Anja Bremer ist seit 20 Jahren tot. Er hat es für sie gemacht, für die Frau in seinem Leben, all die Jahre, jeden Abend. Sie haben sich zusammen eingeschlossen in dieses grüne Zimmer, er und seine Gäste, während draußen die Zeit weiterging. Ein bisschen Sartre und ein bisschen Brüder Grimm: Alle sind älter geworden - Rudolf van der Lak ist jung geblieben dabei.

Einen Moment lang steht er jetzt allein in dem Seitenraum der Galerie, bevor die nächsten seiner vielen Gäste kommen, um sich zu verabschieden, sehr aufrecht, ein Gentleman, ein Bohemien, ein Mann nicht mehr ganz von dieser Welt. Ich hatte ein wunderbares Leben, sagt er, und die Worte rollen aus seinem Mund.