Es ist früh am Tag, die Uhr zeigt 9.16, der Schrittzähler an Terry Gehrkes Hosenbund 324. Es fehlen noch 9.676 Schritte bis zum Soll von 10.000. Das entspricht den fünf Meilen, die ein Mensch täglich zu Fuß gehen muss, wenn er unter Terry Gehrkes Anleitung schlanker werden will. »Christen sollten fitter sein als Nichtgläubige. Sind sie aber nicht«, sagt sie, holt sich ein Glas Wasser in ihr Büro, was sich zu 14 weiteren Schritten addiert, blickt freundlich tadelnd auf den Cappuccino der Reporterin und ruft auf ihrem Palm-Pilot die Kalorientabelle auf. »200 – es sei denn, Sie haben Magermilch genommen.« Es ist Vollmilch. Sie seufzt. »In biblischen Zeiten war das einfacher.«

Im alten Jerusalem gab es keine Doppelwhopper, keine Trinkeimer voller Cola, keine nationale Krankheit namens Übergewicht, die Terry Gehrke jetzt bekämpft – mit Pedometer, Ernährungstipps und einem anspornenden you can do it- Lächeln, bei dem man unwillkürlich den Vorsatz zur Morgengymnastik fasst. BILD

Ohne Gott schafft der Mensch nichts Wahres, glaubt Terry Gehrke, auch keine Diät. Also verordnet sie ihren Klienten Ballaststoffe, Vitamine und das zweite Buch Samuel 22, 33–34: »Gott stärkt mich mit Kraft und weist mir den rechten Weg. Er macht meine Füße gleich den Hirschen…« Auf dass sie fünf Meilen pro Tag zurücklegen. »Das Problem ist«, sagt sie, »dass es heute kaum noch Bürgersteige gibt. Wo sollen die Leute laufen?«

Polizisten bewachen die Kollekte von 800.000 Dollar jeden Sonntag

Jedenfalls nicht hier in den Vororten von Louisville, Kentucky, wo links und rechts des Interstate Highway 64 die Neonschilder von McDonald’s, Kentucky Fried Chicken und Burger King leuchten. Mittendrin befindet sich der Arbeitsplatz der Fitness-Trainerin Terry Gehrke: die Southeast Christian Church, eine Megakirche mit 25.000 Mitgliedern – und, wie ihre Kritiker behaupten, eine Bastion der christlichen Rechten. Gehrke hört so etwas nicht gern. Der Pastor auch nicht.

Das Phänomen Megakirchen erregte jahrelang keine besondere Aufmerksamkeit. Alles wird größer – warum nicht auch die Kirchen? Dann kam die Präsidentschaftswahl 2004. Die Demokraten um John Kerry mussten feststellen, dass ihr Gegner nicht nur hervorragend organisierte christliche Lobbygruppen auf seiner Seite hatte, sondern auch einen neuen Typus von Kirche: riesige Gotteshäuser mit Tausenden von Gläubigen, Radiosendern, Fernsehprogrammen, Verlagshäusern und Pastoren, die sich in einem »christlichen Kulturkampf« wähnten. Seither staunt Amerikas säkularer Teil der Öffentlichkeit über die christliche Parallelgesellschaft, die in den suburbs herangewachsen ist.

Auf den ersten Blick sind in der Southeast Christian Church keine Spuren des christlichen Kulturkampfs zu entdecken. Man ist sich anfangs nicht einmal sicher, in einer Kirche zu sein. Die Southeast Christian Church, kurz Southeast genannt, hat keinen Turm, kein Kirchenschiff, keinen Treppenaufgang mit mächtiger Tür, die den Gläubigen auf die gebotene Demut einstimmen würde. Stattdessen schimmern gläserne Türen hinter einer breiten Autoauffahrt. Weiß verputzter Beton, dunkel getönte Fensterfronten, drumherum Parkplätze, so weit das Auge reicht – wäre da nicht das dünne Kreuz auf dem Dach, könnte man das Gebäude für den Sitz eines Versicherungskonzerns halten.

Drinnen herrscht auch unter der Woche reger Betrieb. Der Umgangston ist weder eifernd noch andächtig, sondern von hartnäckiger Liebenswürdigkeit. Die ehrenamtlichen »Begrüßer« in der Lobby tragen Smiley-Plaketten am Revers, das Wörtchen wonderful hüpft von Zwiegespräch zu Zwiegespräch – und wer gerade nicht redet, liest im kircheneigenen Southeast Outlook entweder good news auf Englisch oder buenas nuevas auf Spanisch. »Wie Sie ja wissen, leben wir in der Endzeit«, sagt im Plauderton der Chef des hauseigenen Sicherheitsdienstes, denn auch dies ist eine gute Nachricht. Ron Aguiar ist ein ehemaliger Polizist, der vor 17 Jahren zu Jesus gefunden hat und sich jetzt auf dessen Rückkehr vorbereitet. »Der Kampf des Guten gegen das Böse spitzt sich zu, und wir jagen die Bösen.« Auch das klingt in der Southeast so nett wie eine Einladung zum Bridge-Abend.

In der Top-Ten-Liste der größten Kirchen Amerikas steht die Southeast Christian Church derzeit auf Rang sieben. Weil solch rasantes Wachstum immer unheimlich wirkt, betont die PR-Abteilung die bescheidenen Anfänge im Keller eines Privathauses, in dem sich die Gründungsmitglieder 1962 zum ersten Gebet trafen. Die Geschichte der Southeast Christian Church beginnt wie alle guten amerikanischen Geschichten mit einsamen Pionieren.

Heute nehmen an jedem Wochenende 20.000 Gläubige an einem der vier Gottesdienste teil. Die Kirche hat 9.100 Sitzplätze. Die Predigten der Pastoren Bob Russell und Dave Stone werden über 39 nationale und vier internationale Radiosender ausgestrahlt. Für die Gläubigen stehen 71.000 Quadratmeter, 4.800 Parkplätze und 403 Toiletten zur Verfügung. Die Kantine schenkt pro Stunde 5.000 Becher Kaffee aus. Die eigens konstruierte »Kommunion-Einschenk-Anlage« füllt in zwei Sekunden 40 Fingerhutbecher mit rotem Traubensaft. Zahlen sind in der Southeast Christian Church fast so wichtig wie das Neue Testament. Größer ist besser – größer muss besser sein. »Gott hat diese Kirche gesegnet«, sagen die Pastoren. Warum sonst wächst sie so ungebremst?

Die lokale Konkurrenz knirscht bei solchen Sätzen mit den Zähnen. Bei den alteingesessenen Konfessionen in Louisville – den Episkopalen, Katholiken, Presbyterianern oder Lutheranern – haben die Kirchen noch Türme, die Pastoren kennen jeden Gottesdienstbesucher beim Namen – aber sie müssen sich immer weniger merken. Ihre Gemeinden schrumpfen, viele werden aufgelöst, nicht nur in Kentucky. Die Mammutkirchen aber expandieren allerorten. Die Lakewood Church in Houston, mit 30.000 Mitgliedern Amerikas größte Einzelgemeinde, zog vor wenigen Wochen in das ehemalige Basketball-Stadion der Houston Rockets mit 16.000 Sitzen um.

Zur Liga der Megakirchen gehört jede Gemeinde, die in ihren Gottesdiensten über 2.000 Besucher zählt. Inzwischen sind das über 1.000 Kirchen in den USA. Riesen wie die Southeast Christian Church dürfen sich das Etikett »Giga« anheften. Würden sie an den 370.000 Gotteshäusern im Land gemessen, dann bildeten sie nur eine kleine Minderheit. Doch mit acht bis zwölf Millionen Gemeindemitgliedern sind die Mega- und Gigakirchen ein Machtfaktor.