Manchmal, wenn man nachts durch die Festspielstädte Bayreuth und Salzburg läuft, noch ganz im Bann der Musik, glaubt man, die Anwesenheit der Komponisten zu spüren, deren Werke man gerade hörte. Verewigt in jedem Gebäudebalken und jedem Kiesweg im Park ist Richard Wagner am Grünen Hügel als eine Autorität allgegenwärtig, die streng und selbstzufrieden auf ihr Lebenswerk herabblickt. Mozart in Salzburg hingegen erscheint als eine Figur, die eben noch da war und schon wieder weg ist. Man hat gleichsam noch das nervöse Fingertrommeln am Kaffeehaustisch im Ohr, obwohl die Rockschöße schon um die Ecke geweht sind. Man halluziniert die stürmisch davonrasselnde Kutsche, obwohl es in den Gassen still ist.

Wagner, der aufdringlich Anwesende, ist der ideale Festspiel-Großkünstler, er hat den überzeitlichen Kult um seine Werke gleich mitkomponiert. Mozart aber, der notorisch Abwesende, taugt eigentlich gar nicht zum Hausgott repräsentativer Festspiele. Er hat nicht, wie Wagner, an einem großen Schaffensganzen gearbeitet, um sein Œuvre am Ende als ein in Stein gemeißeltes Vermächtnis der Nachwelt zu hinterlassen. Seine blitzgleiche Inspiration entzündete sich an einer konkreten Aufgabe – und sprang dann auf die nächste Herausforderung über. Das Vollendete ist bei Mozart nicht ohne das Quecksilbrige, Überraschende, genial Sprunghafte denkbar. In einer gut geölten Festspielmaschinerie wie Salzburg hat das naturgemäß wenig Platz. Dort müssen die Mozartklassiker, ob inspiriert oder nicht, in effizienter Wiederkehr rotieren. Zu fassen kriegt man den Komponisten selten, die großen Mozartmomente sind keine Selbstverständlichkeit. Mozart, das Salzburger Phantom: Er entzieht sich dem Gelingen und lässt seine Geburtsstadt gern allein in ihrer aufwändigen Huldigungsbetriebsamkeit.

Dabei ist es erstaunlich, wie groß jedes Mal die Erwartungen sind, wenn ein vermeintliches Haupt- und Staatsstück wie die Zauberflöte auf dem Spielplan erscheint. Eine Gültigkeit wird dann von der Öffentlichkeit eingefordert, als könne das Werk – das im Stadttheater womöglich viel besser aufgehoben ist – überhaupt nur im Breitwandrahmen des großen Festspielhauses, mit den Wiener Philharmonikern im Orchestergraben und einer exklusiven Sängerbesetzung auf der Bühne, zu sich selbst kommen. Alles soll stimmen, alles soll großartig sein: Die Sehnsucht nach dem guten alten Märchenzauber muss bedient werden, aber auch die Gier nach neuen Bildern für ein abgespieltes Stück, das erhabene Humanitätspathos darf nicht unterschlagen werden, aber auch nicht die weanerische Volkstümlichkeit.

Wenn Skelette aus Schranktüren nach Papageno grapschen

Der ehemalige Festspielchef Gerard Mortier hat sich diesem Druck auf seine Weise entzogen: Er produzierte die Zauberflöte in seinen zehn Amtsjahren nur einmal lustlos neu als Remake der bewährten Hamburger Achim-Freyer-Inszenierung, die er in einer Messehalle an die Massen verfütterte. Jetzt hat auch Mortiers Nachfolger Peter Ruzicka eine Zauberflöte herausgebracht, im großen Festspielhaus. Und staunend erlebt man, wie das Stück unter den hoch gerüsteten Salzburger Ansprüchen spektakulär in sich zusammenkracht. Wie die Regieeinfälle sich verkeilen und das Bildergeröll ziellos umherkullert, wie mancher kluge Inszenierungsgedanke einsam aufragt und die Musik unbekümmert über alle Bruchkanten hinwegtönt, als könne ihr das Stückwerkhafte, das noch jeder Zauberflöte innewohnt, überhaupt nichts anhaben.

Der britische Regisseur Graham Vick will ein bisschen viel. Er zeigt uns höhnisch und kritisch, was es mit Sarastros Tugendpalast eigentlich auf sich hat: Er ist eine gerontologische Station, in der alte demenzkranke Männer ihre Medikamente einnehmen, schlurfig vor sich hin dösen und ihren verkalkten Moralvorstellungen nachhängen. Mitten im Aufenthaltsraum heben sie eine Grube aus, und es bleibt offen, ob da ein letztes Mal nach der Wahrheit gegraben wird oder ob sich die Priester nur ihr Grab schaufeln.

Aber zugleich soll auch die poppig frische Traumgeschichte eines jungen Menschen von heute erzählt werden: Im Kinderzimmer von Tamino (souverän gesungen von Michael Schade) stehen Surfbrett und Fernseher. Die Schlange, vor der er sich fürchtet, ist aus dem Terrarium ausgebrochen. Zur Rettung erscheinen die drei Damen durch geheimnisvolle Schlitze in der lustig blau gemusterten Tapete, und aus dem Kleiderschrank purzelt der Neohippie Papageno (Markus Werba) wie bei Alice im Wunderland. Die Regie will die schrille Fantasy-Show, wenn in Sarastros Reich Skelette aus Schranktüren nach Papageno grabschen, und sie will zugleich die Märchenfiguren von ihrer Prinzipienhöhe herunterholen. Die Königin der Nacht schwebt nicht funkelnd vom Schnürboden herab, sondern kriecht im Nachthemd unter Taminos Bettdecke hervor und drückt den Jungen heftig an die Brust, ihre Koloraturen (mit fadenfeinem, aber traumsicherem Sopran: Anna-Kristiina Kaapola) klingen wie das bedrohliche Flehen einer Übermutter nach Zärtlichkeit. So zappt Graham Vick zwischen vielen Erzählkanälen hin und her und interessiert sich doch für keinen richtig.

Wie ein Frettchen die geklauten Eier schlürft