Schon vor rund dreißig Jahren bemerkte Sebastian Haffner, die Gestalt Churchills sei uns "merkwürdig ferngerückt, fast unverständlich geworden", als gehöre sie einer fernen heroischen Epoche an. Als ausgewiesener "Aristokrat" und "Imperialist" passe Churchill einfach nicht zum herrschenden Zeitgefühl, und als "geborener Krieger", so die Charakterisierung Christian Graf von Krockows, tut sie das erst recht nicht. Eher glaubte Haffner an ein wiederauflebendes Interesse an Hitler als an ein Comeback von Churchill, womit er zweifellos ein gutes Gespür bewies: Mehr Hitler war nie.

Von dem britischen Staatsmann trennt uns ein tieferer Graben als die 40 Jahre, die seit seinem Tod vergangen sind. Während uns eine Figur wie Hitler – um bei diesem Vergleich zu bleiben – auch heute noch, in einem wie immer problematischen Sinne, als erstaunlich nah erscheint, verweist die Gestalt Churchills auf eine Epoche, die vor dem weltgeschichtlichen Konflikt liegt, der als Kalter Krieg in die Annalen eingegangen ist (obwohl Churchill ihn wie kaum ein anderer früh antizipiert und auf seinen Verlauf politisch Einfluss genommen hat), und auch vor dem europäischen Bürgerkrieg zwischen Faschismus und Kommu-nismus, der die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte. Wenn man die drei in einem Buch versammelten Essays des britischen Historikers David Cannadine aufmerksam studiert, gewinnt man einen Begriff davon, warum uns Churchill derart entrückt ist: Er verkörperte und bewahrte in seiner Person eine Welt, die in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs definitiv untergegangen war.

Umso spannender ist die Frage, wie einer, den Cannadine als spätviktorianischen Abenteurer mit zuweilen schlechten Manieren, als einen Mann mit zweifelhaftem aristokratischen Familienhintergrund und als unverbesserlichen Monarchisten schildert, zum unangefochtenen politischen Führer und zur Ikone Britanniens und des Empire aufsteigen konnte. Churchills Karriere bis 1940 verlief ja keineswegs geradlinig und konsequent, sie war im Gegenteil von Brüchen, Parteiwechseln, Niederlagen bis hin zur vollständigen Isolation begleitet. Im Augenblick der Frankreich-Krise jedoch, als sich England mit dem Rücken zur Wand einem siegreichen Hitler allein gegenübersah, fand der frisch ernannte Kriegspremier, und nur er, jene Worte, die Krone, Parlament und Bevölkerung zu einer einmaligen Abwehrbereitschaft zusammenschweißten. Wäre Churchill nicht der Wortmagier gewesen, als den ihn Cannadine vorstellt, der Rhetoriker, der, einem modernen Demosthenes gleich, seine Athener auf den kollektiven Ernstfall einschwor, hätte Britannien womöglich nicht standgehalten – es war seine finest hour.

Seitdem hat es keinen Politiker mehr gegeben, der auch nur entfernt einer rhetorischen und literarischen Kunst mächtig war, wie sie Churchill im Übermaß zur Verfügung stand. Das macht seine Größe und, schon damals, seine Unzeitgemäßheit aus. Dass "langes Palaver besser ist als langer Krieg", gehörte zum Repertoire von Churchills Politik- und Machtverständnis, auch wenn er den Krieg keineswegs scheute. Cannadine weist mit vollem Recht darauf hin, dass zeitgenössische Kriegsherren wie Bush und Blair sich kaum auf den Anti-Appeaser Churchill als Kronzeugen berufen können.