Was ist im Laufe der Jahrzehnte nicht alles über ihn geschrieben worden. Aber erst jetzt liegt eine Biografie vor. Genauer gesagt, das erste Buch, das dieses Prädikat verdient, weil es den Protagonisten auf allen Stationen seines Lebens begleitet: J. Robert Oppenheimer, den "Vater der Atombombe". 25 Jahre Recherche von Martin Sherwin stecken in diesem Text und fünf Jahre gemeinsamer Bändigung des Materials mit Kai Bird, der sich mit Arbeiten zu John McCloy und den Brüdern Bundy bereits einen Namen gemacht hat und nun als Großmeister seines Fachs anzusehen ist. Denn einer Person wie Robert Oppenheimer gerecht zu werden überschreitet das Maß der bei Biografien üblichen Probleme um ein Weites – weil die Person als solche maßlos war und den Nachgeborenen ähnliche Zumutungen aufbürdet wie einst Freunden und Gegnern.

Auf den ersten Blick war Oppenheimer der unwahrscheinlichste Kandidat für die Leitung des amerikanischen Atomprojekts in Los Alamos. Die notwendige Genialität, den Hochmut und die arrogante Skrupellosigkeit brachte er allemal mit. Aber er war zugleich ein von Selbstzweifeln und Depressionen geplagter Mensch, bei dem man nie sicher sein konnte, ob das Schöpferische oder das Selbstdestruktive die Oberhand gewinnen würde. Was seit 1941 den Ausschlag gab, waren Patriotismus und Loyalität: zu verhindern, dass die Nazis als Erste die Bombe entwickelten. Sobald er sich einer Sache verschrieben hatte, war "Oppie" einfach der Beste. Und alle, die er in der Wüste New Mexicos zu Höchstleistungen anspornte, räumten im Nachhinein ein, dass ohne seinen Blick für das Wesentliche die Bombe niemals rechtzeitig fertig geworden wäre, um sie noch während des Krieges einzusetzen.

Derselbe Oppenheimer, der im Juli 1945 noch festgelegt hatte, in welcher Höhe die Bombe explodieren sollte, um möglichst viele Leben auszulöschen, stieß kurz darauf seine Arbeitgeber mit radikalen Vorschlägen zur Zähmung des Atoms vor den Kopf. Und wurde zu einem politischen Problem, weil seine Ideen nicht als intellektuelle Spinnereien abzutun waren. Warum die UN ins Leben rufen und nicht zugleich die Atomenergie, von den Schürfrechten in Uranminen bis zur Forschung im Labor, einer internationalen Kontrolle unterwerfen? Wieso sollte eine Waffe, die alle vernichten konnte, in den Händen weniger liegen? Als Oppenheimer die in der Entwicklung befindliche Wasserstoffbombe eine "genozidale Waffe" schalt, hatte er die Grenze des politisch Korrekten endgültig überschritten.

Wie der Dissident Oppenheimer zum Landesverräter gemacht und moralisch hingerichtet wurde, hat der Dramatiker Heinar Kipphardt nebst vielen Historikern vor Augen geführt. Bird und Sherwin steuern noch eine Unzahl bis dato unbekannter Informationen bei, nicht zuletzt den Hinweis, dass die Vermutungen über eine angebliche Spionage im Dienste der Russen jeder Grundlage entbehrten – und zeigen, wie ein quellenkritischer Umgang mit sowjetischen Geheimdienstakten auszusehen hat. Dass daraus das wohl wichtigste Kapitel ihres Buches wurde, hat aber einen anderen Grund. Sie machen deutlich, wie mit dem "Fall Oppenheimer" die amerikanische Demokratie nachhaltig vergiftet wurde – nicht auf Betreiben des trunksüchtigen Senators McCarthy, sondern als Folge eines nüchternen Kalküls politischer und akademischer Gegner. Das Verdikt gegen Oppenheimer sollte weit über seine Person hinaus wirken. Und tat es auch. "Wenn es Oppie trifft, kann es jeden treffen." Sätze wie dieser stehen am Beginn des Weges in eine selbst gewählte Unmündigkeit der amerikanischen Wissenschaftselite. Nicht nur war ihr politischer Rat nicht mehr gefragt. Eingeschüchtert und verängstigt, wollten sie ihn auch gar nicht mehr geben. Dass die Folgen bis heute nachhallen, müssen Bird und Sherwin nicht eigens betonen. Es genügt, ihnen auf dem Weg durch das Gestern aufmerksam zu folgen. Eben darum handelt American Prometheus von mehr als nur einem Leben. Es ist zugleich das grandiose Porträt eines Zeitalters.

Zur Unperson war Oppenheimer auch geworden, weil er bereits im Herbst 1945 den Einsatz der Bombe als überflüssig bezeichnet hatte. Mit Hiroshima und Nagasaki seien Städte eines bereits besiegten Gegners vernichtet worden. Wenn nicht um die Beendigung des Zweiten Weltkrieges, worum ging es dann? Mit dem jüngsten Beitrag von Tsuyoshi Hasegawa, Historiker an der University of California, Santa Barbara, wird der seit den 1960er Jahren darüber geführte Streit wieder belebt.

Auch dieses Buch hat man sich seit langem gewünscht. Endlich ein Historiker, der fließend Englisch, Russisch und Japanisch spricht und dem die erste "internationale Geschichte" der Atombombe gelingt – mit einer peniblen Rekonstruktion der Entscheidungen in Tokyo, Washington und Moskau. Racing the Enemy nennt Hasegawa seine Studie, in freier Übersetzung: Den Feind im Schlussspurt abhängen oder übertrumpfen. Der Titel trifft den Kern der Sache, wähnt man sich doch in einem Spiegelkabinett von Geistesverwandten. Truman, Stalin und der Oberste Kriegsrat in Tokyo wussten im Juli 1945, dass der Krieg vorbei war. Aber statt tatsächlich einen Schlussstrich zu ziehen, lieferten sie sich noch wochenlang und ungeachtet des menschlichen Preises ein blutiges Wettrennen um reale oder vermeintliche Positionsvorteile für den Nachkrieg.

Den fanatischen Widerstandswillen auf japanischer Seite bringt Hasegawa nicht zuletzt mit der fixen Idee in Verbindung, man könnte die bis dato im Pazifik neutralen Russen als Vermittler ins Spiel bringen und so den USA günstigere Friedensbedingungen abringen. Stalin nährte diese Illusion nach außen, gab aber intern zu verstehen, wie gut ihm der Durchhaltewillen der Japaner ins Konzept passte. Je länger sie kämpften, desto mehr Zeit blieb ihm, um die Rote Armee für die Einnahme von Sachalin, der Kurilen und vielleicht auch eines Teils von Hokkaido in Stellung zu bringen. Und Truman? Führende Berater hatten ihm den diplomatischen Ausweg gewiesen: Sobald er Tokyo den Erhalt des Kaisertums zusicherte, würde Japan die Waffen strecken. Stattdessen verlangte der Präsident von Potsdam aus ein "unconditional surren der" – wissend, dass diese Forderung abgelehnt und ihm damit mehr Zeit gegeben würde. Zeit für die Fertigstellung der Bombe, die unbedingt zum Einsatz kommen sollte: um symbolisch Rache für Pearl Harbour zu nehmen, um eine bedingungslose Kapitulation durchzusetzen – und um auf diesem Weg einen Kriegseintritt der Russen und folglich deren langfristige Präsenz im pazifischen Raum zu verhindern.

In anderen Worten: Hasegawa belegt akribisch Oppenheimers Vermutung. Was sich Anfang August 1945 ereignete, war eine Kapitulation des politischen vor dem militärischen Denken. Und mit der Atombombe wurde der Krieg nicht verkürzt; er wurde gerade ihretwegen in die Länge gezogen – nämlich um jene Wochen und Monate, in denen man nicht einmal den Versuch zum Ausloten von Alternativen machte.