In Saudi-Arabien ist es nicht leicht, einen Kronprinzen von einem König zu unterscheiden. Abdallah Ibn Abd al-Aziz gab im Februar ein Staatsbankett für ausländische Gäste in einer Konferenzhalle in Riad. Dort funkelten die helikoptergroßen Kronleuchter und die gewienerten Facettenspiegel derart, dass sich mancher Geladene nicht sicher war, welchem der Herren in goldbestickten Gewändern er nun zuerst die Hand schütteln sollte. Mit einem majestätischen Schwung seines Thob signalisierte Abdallah den wartenden Ausländern, dass er es war, der die Rolle des Gastgebers spielte. Der kranke König war nicht zugegen. Aber Abdallah war schon ganz Monarch.

Seit dem Tod von König Fahd Anfang dieser Woche ist Abdallah nun wirklich der Herrscher von Saudi-Arabien und der Hüter der heiligen Stätten von Mekka und Medina. Ans Führen hat er sich schon in den vergangenen zehn Jahren gewöhnt, als Fahd nach einem Schlaganfall 1995 nur mehr dahindämmerte. Allein die Macht musste Kronprinz Abdallah noch teilen, mit den Brüdern von Fahd - dem hartleibigen Innenminister, dem machtbewussten Verteidigungsminister. Diese Prinzen im Greisenalter haben ihre Posten zum Teil seit vier Jahrzehnten inne. Regieren können sie das Land, aber auch reformieren?

Saudi-Arabien ist reif für eine Generalüberholung. Ein unübersichtlicher Hofstaat von mehr als zehntausend Prinzen hat sich über ein Land gelegt, dessen Bevölkerung schnell wächst und immer ärmer wird. Die Gegensätze zerreißen allmählich den saudischen Gesellschaftsvertrag, der bisher lautete: Das Königshaus alimentiert edelmütig das Volk, welches sich dafür ohne Tumultanfälle beherrschen lässt. Dieser Gefälligkeitsabsolutismus ist bedroht durch langfristig sinkende Öleinnahmen und die Bevölkerungsexplosion.

Reformen, das ist nicht anders als in Deutschland, sind deshalb überlebenswichtig. Will Abdallah das Land zielstrebig umbauen? Wer sind seine Gegner im Königshaus? Kann Saudi-Arabien beim Prinzengerangel um die Thronfolge zerbrechen?

Rolls-Royce ja, Paläste an der Riviera nein

In den Augen vieler Saudis ist König Abdallah anders als die anderen Söhne des saudischen Staatsgründers Ibn Saud. Er sieht auf 33 Monitoren gleichzeitig fern, doch er gilt als bescheiden. Er leistet sich ein Pferdegestüt mit wertvollen Hengsten und wird dabei als ein arabischer Fürst gesehen, der das Volk versteht. Er fährt einen Rolls-Royce und gilt dennoch als unbestechlich. Paläste an der Riviera und in Genf wie sein Vorgänger hat er nicht. Angesichts der korrupten Gesellschaft der Prinzen ist der 82-Jährige eine im Volk beliebte Figur, der es versteht, an seinem Image zu arbeiten.

Jeden Tag hält Abdallah für ein bis zwei Stunden eine Madschlis ab - ein auf der arabischen Halbinsel traditionelles Treffen zum Austausch von Neuigkeiten und zur gegenseitigen Konsultation. Da versuchen Stammesoberhäupter ihre Nöte auf Handzetteln oder im Gespräch loszuwerden. Was gut ist im Kleinen, baut Abdallah im Großen aus. In den Jahren 2003 und 2004 berief er den nationalen Dialog ein, eine Serie von Konferenzen mit religiösen Lehrern und Predigern, mit Liberalen und Geschäftsleuten, und mit saudischen Frauen. In einem Land ohne breite öffentliche Diskussion war das ein wichtiges Experiment. Abdallah wollte auf diesen Konferenzen einen Konsens über die Richtung der Reformen ausloten. Ob man ihn gefunden hat, darüber streiten die Teilnehmer bis heute.