Wie konnte es geschehen, dass aus einem Volk, das die Nationalsozialisten noch kurz vor der Machtergreifung mehrheitlich abgelehnt hatte, binnen weniger Jahre eine mörderische Gemeinschaft wurde? Wie konnte es dazu kommen, obwohl doch der Anteil der NSDAP an Wählerstimmen 1928 gerade einmal 2,8 Prozent betrug und die Nationalsozialisten zu der Zeit eine politische Randerscheinung waren? Wie kam es zu der massenhaften Unterstützung Hitlers, obwohl die NSDAP im November 1932, bei den letzten freien Wahlen der Weimarer Republik, eine Niederlage erlitten und zwei Millionen Stimmen verloren hatte? Und warum unterstützte die überwältigende Mehrheit der Deutschen in den Jahren 1940 bis 1942 Hitlers Staat nahezu bedingungslos? Das sind die Fragen, auf die Götz Aly in seinem Buch Hitlers Volksstaat eine klare Antwort geben will.

Die Antwort lautet, dass die Massen der ruinierten Arbeiter, Beamten und Mittelständler, später auch Bauern, durch ein populistisches Regime bestochen wurden. Durch kluge Manipulationen, die von der konservativen Beamtenschaft initiiert und in die Tat umgesetzt wurden, stieg der Lohn, die Renten wurden erhöht, die Arbeitslosigkeit wurde zurückgedrängt. Den meisten ging es besser als zuvor. Das wurde durch eine Defizit-Finanzierung zustande gebracht und die Notwendigkeit künftiger Zurückzahlung allgemein aus dem Bewusstsein verdrängt.

In den Jahren 1937 bis 1938 wurde aber klar, dass es so nicht weitergehen konnte – und deshalb machte man sich daran, die Juden auszurauben (Arisierungen hatten in beträchtlicher Anzahl schon vorher stattgefunden). Nach dem Novemberpogrom 1938 kam es zur massenhaften Beschlagnahme jüdischen Vermögens. Den Juden in Deutschland und Österreich, größtenteils Mittelständlern, wurden Milliarden geraubt. Die neun Prozent des NS-Staatshaushaltes, die mit diesem Raub gedeckt wurden, ermöglichten den Endspurt zum Krieg.

Dann kamen die Blitzkriege, danach die direkte oder indirekte Besetzung fast ganz Europas. Ein von den Reichsbank- und Finanzministerialsachverständigen ausgeklügeltes System halste den besetzten Ländern nicht nur die Besatzungskosten auf, sondern zusätzlich riesige Beträge. Die Millionen deutscher Soldaten, aber auch die Massen von Beamten, die wie Heuschrecken die besetzten oder auch verbündeten Länder heimsuchten, wurden in den lokalen Währungen bezahlt.

Mit diesem Geld kauften sie alles ein, was es in den Läden gab. Sie saugten nicht nur die überflüssige Kaufkraft der deutschen Währung auf, sondern brachten auch wichtige Güter und Luxusartikel nach Deutschland. Dadurch wurden die Soldaten und die Familien in Deutschland bei Laune gehalten.

Die Beschlagnahme jüdischen Vermögens war ein zentraler Punkt bei der Ausplünderung besetzter Länder. Den Juden wurde erst Gold und Schmuck, danach alles andere geraubt. Dann wurden sie ermordet. Die Nutznießer waren nicht nur das Regime und die deutsche Kriegsmaschine, sondern die ganz gewöhnlichen Deutschen. "Wer von den Vorteilen für die Millionen einfacher Deutscher nicht reden will", so schließt Aly seine Analyse, "der sollte vom Nationalsozialismus und vom Holocaust schweigen."

Eigentlich müsste Hitlers Volksstaat ein schwer zu lesendes Buch sein, doch das ist es nicht. Es liest sich vielmehr wie ein spannender Detektivroman. Schließlich hat niemand vor Aly versucht, die Verbindung zwischen den wirtschaftlichen, finanziellen, politischen, militärischen, und sozialen Faktoren herauszuarbeiten, die die Nazipolitik kennzeichnen. Die Quellen, zum Beispiel in Ungarn und Griechenland, sind bis heute verschlossen; in Deutschland wurde vieles vor und auch nach dem Kriegsende vernichtet oder verborgen. Die Verantwortlichen verwandelten sich in scheinheilige Nicht- oder gar Anti-Nazis. Es gelang ihnen, viele inkriminierende Dokumente zu vernichten.

An Klarheit fehlt es Alys Buch wahrlich nicht. Er beschreibt, wie es dem Regime gelang, jedenfalls bis 1944, die Deutschen durch die Erhaltung, ja sogar in gewisser Hinsicht durch die Erhöhung des Lebensstandards zu bestechen.