Wer will, kann die Stadt Hunedoara als Beweis aller negativen Urteile über Rumänien nutzen. Am Morgen, in dem kleinen Gasthof im nahe gelegenen Simeria, hatte der Wirt von dem lokalen Mafioso berichtet, der ihn um 20000 Euro Schutzgeld erleichtern wollte; auf der Fahrt versperren Pferdekarren immer wieder den Weg. In Calan, nur zehn Kilometer vor Hunedoara, stehen verfallende Plattenbauten gegenüber dem ausgeweideten Gerippe einer riesigen, lange aufgegebenen Industrieanlage.

Dann Hunedoara selbst. Die Stadt ist düster, so düster wie die alles überragende Burg, deren Mauern dunkel geworden sind vom Ruß, der jahrzehntelang aus den Schornsteinen des im Tal liegenden Stahlwerks drängte. Das Stahlwerk gab einmal 35.000 Menschen Arbeit, jetzt sind es noch 1200. Fast jeder Fünfte in der Stadt sei arbeitslos, sagt Isfan Petru.

Petru, grünes T-Shirt, schmale Lederweste, ist Unternehmer, gerade eben hat er über sein altes Tischtelefon wieder einen Auftrag aus Deutschland bekommen. "Motorradanzüge, 300 Stück." Für 150 bis 200 Euro brutto im Monat schneidern auf den Stockwerken über Petrus Büro 100 Näherinnen Kleidung zusammen, fast alles geht in den Export. Die engen und schlecht belüfteten Räume sehen aus wie Fabrikhallen in Deutschland kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.

Von Stundenlöhnen, die teilweise kaum über einem Euro liegen, profitiert in Hunedoara auch die Firma Dräxlmaier. Rumänien, das weitaus ärmer ist als der ärmste EU-Staat Lettland, ist für den bayerischen Autozulieferer inzwischen drei- bis viermal billiger als etwa Tschechien oder Ungarn. 2007 oder 2008 soll auch Rumänien Teil der Europäischen Union werden.

Wenn Isfan Petru über die EU redet, schwingt Sarkasmus mit. Früher sei Hunedoara eine reiche Stadt gewesen, heute sei sie arm. Früher habe in Rumänien Diktatur geherrscht, heute regierten der Markt, das Geld und die Korruption. "Hilfe durch die EU?" Die gibt es, jetzt schon, auch in Hunedoara. Eigentlich. Tatsächlich, sagt Petru, gehe viel Geld nicht in Klärwerke oder die Stadtsanierung. Tatsächlich ende es in den Taschen der Reichen und der Mächtigen.

Hunedoara ist nicht Rumänien. Aber es bietet Anlass für die Frage: Ist Rumänien reif für die EU?

Nein, antwortet der Mann im feinen Zwirn. Das Gespräch mit ihm findet in einem der besten Restaurants der Hauptstadt Bukarest statt, das Essen kostet so viel wie ein rumänischer Wochenlohn, und der Mann, ein ehemaliger Minister, will mit dieser Aussage nicht in der Zeitung stehen. Aber er bleibt dabei: "Reif sind wir noch nicht."

Dabei hat Rumänien, das weiß auch der Exminister, den Zahlen nach gerade fünf Jahre hinter sich, die zu den besten seiner Geschichte zählen. Seit 2000 liegt die Wachstumsrate über fünf Prozent, 2004 waren es sogar 8,3 Prozent. Die landesweite Arbeitslosenquote ist mit offiziell 6,8 Prozent niedrig, die Inflationsrate von über 60 auf unter zehn Prozent gefallen. Die Investitionen aus dem Ausland sprudeln und haben sich im vergangenen Jahr auf 4,1 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. Einzelne Städte – Timisoara, Cluj, Sibiu – boomen so sehr, dass in ihnen die Arbeitskräfte knapp werden und die Menschen tagsüber so viel Geld verdienen, dass sie es abends auch in Clubs und Restaurants ausgeben können. Auf den Straßen von Bukarest fahren heute zweimal mehr Autos als Ende der neunziger Jahre. Unter ihnen rollt der neue Dacia, den Renault aus seiner rumänischen Produktionsstätte in die ganze Welt verkaufen will – auch nach Westeuropa.