Eine Ratte huscht über das Parkett, doch das Flötenduo spielt ungerührt weiter. Eine zweite Ratte rennt, dann folgen weitere. Gefahr ist in Verzug, bereits öffnen sich Risse in den Mauern des venezianischen Palazzos, und bald schon reicht der Cembalistin das Wasser zum Knie - Zeit zu gehen. Gerade noch entkommt der Erzähler dem Untergang des großbürgerlichen Hauses und seiner selbstvergessenen Kunstliebhaber. Wolfgang Hildesheimer karikierte in seiner lieblosen Legende Das Ende einer Welt eine Gesellschaft, die Hochkultur als Fetisch praktiziert und damit zum Abgang verdammt ist. (Das war 1952, heute gibt es nicht einmal mehr das Sotun-als-ob, und die Kultur der Hauskonzerte ist so spurlos verschwunden, dass selbst die bittere Satire noch sentimental berührt.)

Die Stimme des Erzählers gehört Hans Werner Henze, der Hildesheimers Kulturverlustparabel zu einer Rundfunkoper umformte (Das Ende einer Welt/Ein Landarzt, Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester, Leitung Markus Stenz - Wergo 6666-2). Was aber ist das, eine Rundfunkoper? Eine Oper abzüglich Bühnenbild und Inszenierung? Oder nur ein Öperchen, passend zum kleinteiligen Sendeschema? Henze hat zu Beginn der fünfziger Jahre zwei mustergültige Antworten gefunden. Verglichen mit dem großen Kaliber Oper, entfaltet er die Geschichten vollkommen geradlinig und hält sie nicht durch lange Entscheidungsfindungs- oder Selbsterklärungsarien auf. Die Beschränkung hat Henze gut getan. Statt wie oft bei seinen Bühnenwerken mit großer Orchesterkanonade aufzufahren, führt er seine Instrumentaltruppen in raffinierten Gruppierungen ins Feld, der Handlung stets mit wendigen Manövern auf der Spur. Die (damalige) Studiotechnik gab Henze noch ein paar extravagante Mittel an die Hand: unwirkliche Hallräume und Raumklangstaffelungen, künstliche Klänge und Blockflöten in Orkanstärke - ein unerwartetes Arsenal, zur Ausstattung skurriler Situationen ebenso geeignet wie zu dem präzisen Albtraum Ein Landarzt von Franz Kafka mit seinem raschen Umschlag von Euphorie in Verzweiflung, von Hysterie in Resignation.

Straffe Form, packende Erzählung statt ausufernder Gefühlserguss - das könnte Oper auch sein. Aber, ganz unerklärlich, die Gattung ist rasch wieder ausgestorben. Die zwei Beiträge Henzes bleiben Unikate: schillernde Hörkunstspiele.