Ein bescheidenes Einkommen von umgerechnet rund 3000 Mark führte Ljudmila Putina in ihrer Steuererklärung für 1998 und 1999 auf. Gezahlt wurde das Geld von der Sankt Petersburger Telefonfirma Telekominvest. Viel tun musste Putina, die Gattin des heutigen Staatspräsidenten Russlands, dafür wohl nicht: In der Moskauer Dependance der Firma nahm sie Anrufe entgegen und organisierte Geschäftstreffen.

Seit kurzem steht Telekominvest im Mittelpunkt staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen in Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein. Es geht um den Verdacht der unlauteren Privatisierung von Staatsfirmen, der Veruntreuung und Geldwäsche. In Frankfurt durchsuchten Beamte die Zentrale der Commerzbank, die bis vor vier Jahren Anteile der Telekominvest treuhänderisch verwaltet hatte. Deutsche Bankmanager könnten, so die Vermutung der Staatsanwaltschaft, dabei geholfen haben, illegale Gelder aus Russland beiseite zu schaffen. Andreas de Maizière, Vorstandsmitglied der Commerzbank und lange für das Geschäft in Osteuropa zuständig, übernahm die Verantwortung und trat zurück.

So korrupt wie Malawi oder Mosambik

Weiter im Amt ist Leonid Rejman, einer der Gründer von Telekominvest. Noch heute neigt er als russischer Telekommunikationsminister im Kabinett von Präsident Wladimir Putin ergeben den Kopf. Rejman und Putin sind alte Weggefährten: Als Rejman 1994 Telekominvest als Holding zweier Staatsfirmen schuf, erteilte der zuständige erste Stellvertreter des Petersburger Bürgermeisters die Genehmigung: Putin.

Es nimmt nicht Wunder, dass der russische Generalstaatsanwalt, der sonst schon mal großspurig eine "Aktion der sauberen Hände" nach italienischem Vorbild ankündigt, die westeuropäischen Ermittlungen bisher ignoriert. Die Zeitungen berichten nur in ihren Innenteilen, in kleinen Artikeln, die sich sichtlich aus Selbstschutz auf bekannte Fakten und westliche Quellen beschränken. Dennoch werfen die Ermittlungen ein helles Licht auf die Schattenseite der russischen Wirtschaft: die Korruption.

Indien, Malawi und Mosambik, das sind die Nachbarn Russlands auf der Weltrangliste der Korruption, die die Berliner Organisation Transparency International jährlich erstellt. Mit Platz 90 unter 146 Ländern steht Russland alles andere als gut da.

Erwachsen ist die Korruption im Land aus einer sehr spezifischen Mischung aus den alten Rückständen des Sozialismus und dem neuen Raubtierkapitalismus der neunziger Jahre. Als sich der Außenhandel mit Holz, Edelsteinen und Buntmetallen zunehmend auch privaten Firmen öffnete, kamen Russlands Beamte auf den Geschmack, insbesondere jene, die für die Vergabe von Ausfuhrquoten verantwortlich waren. Bis zu 50 Prozent der Einnahmen aus dem Export flossen in jenen Jahren direkt in die Hände geschmierter Bürokraten. Später sorgten die Großschnäppchenjäger, die im Zuge der Privatisierung mit nicht immer sauberen Methoden den einträglichen Staatsbesitz unter sich aufteilten, für Schlagzeilen. Das Geflecht von Verwaltung, Politik und Wirtschaft, das entstand, beweist bis heute Spannkraft.

"Nutznießer waren in erster Linie die Vertreter der Parteinomenklatura, die das Eigentum zuvor kontrolliert, aber nicht besessen hatten", resümiert der Korruptionsforscher Georgij Satarow, der Volksmund spricht vom "Raub an den Armen, um die Reichen zu füttern". Wie viel Geld über die Jahre veruntreut, gestohlen und rein gewaschen wurde, weiß keiner. Auch die Kapitalflucht aus Russland gibt nur einen schwachen Hinweis auf die Dimension der großen Umverteilungssause: Mehr als 200 Milliarden Dollar sind nach den konservativen Angaben der Zentralbank seit 1994 aus dem Land abgeflossen. Wie weit dieses Geld Untreue, Geldwäsche oder anderen kriminellen Machenschaften entstammt, lässt sich nicht ermessen.