Dies ist eine Geschichte über eines der erfolgreichsten deutschen Sommerurlaubsziele. Sie beginnt mit einer langen Unterhose. Ich bekam sie geschenkt, nach drei im Strandkorb bei eisigem Nordwestwind und Regenschauern durchzitterten Tagen. Allein, dass es hier im Juli Skiunterwäsche zu kaufen gibt, sagt eigentlich alles über Spiekeroog. Genauso wie einem der Satz aus dem Katalog zu denken geben sollte: "Wie das Wetter ist, ist es gut." Sie haben auch einen großen Hof mit Islandpferden. Die fühlen sich hier wie zu Hause. Ich meine: Island!

Der Strand ist breit, weiß und fast so lang wie auf Fuerteventura. Aber auch vom bestgelegenen Quartier aus braucht man mindestens eine Viertelstunde, um ihn zu erreichen. Zu Fuß. Anders geht es sowieso nicht. Es gibt vier Autos: drei für die Feuerwehr und einen Krankenwagen. Ach ja, seit zwei Wochen fährt eine Elektrokarre zum Strand. Einmal täglich. Maximale Passagierzahl: drei. Selbst Fahrräder sind auf den 27 Straßen verpönt. Zu schnell. Wir sind hier in Ostfriesland, auf den vorgelagerten Inseln, zweite von rechts. Weitere Zentralbegriffe aus dem Katalog sind Ruhe, Sanftmut, Glück, Eigensinn. Am östlichen Ende des einzigen Inseldorfes haben sie ein neues Mischgebiet für Wohnen und Gewerbe ausgewiesen. Da ist fast alles erlaubt – außer einem Fahrradverleih.

Es gibt eine Pommesbude. Sie schließt um 19 Uhr. Dann bleibt den Gästen nichts anderes, als ihr Geld in die zahlreichen Restaurants zu tragen. Dafür muss man sich aber sputen. Die meisten haben Küche bis 21 Uhr. Das Meerwasserschwimmbad hat an Sonn- und Feiertagen exakt von 9 bis 13 Uhr geöffnet. Daran kann kein noch so hartnäckiges Sturmtief rütteln. Wie an den Öffnungszeiten des Kinderspielhauses: sonntags drei Stunden. Eine der Hauptattraktionen der Insel ist die Museumspferdebahn, die älteste und letzte in Deutschland. Sie fährt zwölf Minuten nach Westen, dann wieder zwölf Minuten zurück, dreimal am Tag. Außer montags.

Urlauber mögen Dienstleistungen. Spiekerooger haben Prinzipien.

Zum Programm der Kurverwaltung gehören Apfeltaschen backen mit Quark-Öl-Vollkornteig, Häkelketten mit Glasperlen, ganzheitliche Körperschulung, sanftes Nordic Walking, Ausdrucksmalerei und Hormon-Yoga. Viermal wöchentlich trifft man sich zum "Dünensingen" in einer Kuhle hinter der Strandhalle, einem Selbstbedienungsrestaurant mit dem Charme einer Autobahnraststätte aus den frühen Achtzigern. "Ich bin der Baum vor deinem Haus", schallt es dann über Sanddorn und Strandhafer, "wenn du vorbeigehst, gieß mich mal!"

In der Hauptsaison könnte jedes der 4000 Spiekerooger Gästebetten mindestens zweifach belegt werden.

Der neue Sport heißt Ökos gucken

"Der klassische Spiekeroog-Besucher ist das Lehrerehepaar, möglichst an der derselben Schule beschäftigt, das beim Bäcker auf die Papiertüte verzichtet, weil man die Brötchen doch gleich in den mitgebrachten Leinenbeutel tun kann." Das sagt nicht ein hämischer Stippvisiteur, sondern der erste und einzige Journalist des Dorfes, Dipl.-Journ. Hartmut Brings, Herausgeber und Verleger des Inselboten, gegründet 1987, Druckauflage 1150 Exemplare, Preis zwei Euro, durchschnittlicher Verkauf 965, Festlandabonnements 470. Er ist einer, der, wie so viele, von der Insel nach dem ersten Besuch nicht mehr losgekommen ist. Achteinhalb Jahre war er Redaktionsleiter beim Münchner Merkur, aber schon da hat der gebürtige Bochumer seine Kinder in der alten Spiekerooger Inselkirche auf die Namen Swantje und Leentje taufen lassen. Jetzt schreibt er einmal wöchentlich über Gemeinderatssitzungen, die Verabschiedung von sechs Zehntklässlern an der Inselschule und den Volkslauf zum Wrack der Verona, das weit weg, im unberührten Osten der Insel, aus dem Sand ragt.