In seinem ersten Leben, um es mal so zu sagen, war er Schauspieler, Absolvent einer berühmten Schule in Berlin, also talentiert. Aber daran erinnert sich heute kaum noch einer. Älter geworden, begann er dann Regie zu führen, an wechselnden Häusern zwischen Nord und Süd, und das mit Erfolg – doch auch das ist eher nicht so wichtig. Im Gedächtnis blieb er mit einer Kunst, die es in dieser Form und Ausprägung zuvor nicht gab, und die auch mehr war als nur künstlerischer Ausdruck. Ihm selber mag der späte Ruhm recht gewesen sein. Denn das Theater, so hat er entschieden erklärt, habe ihn einfach ab einem bestimmten Punkt nicht länger interessiert: "Es ist für mich verlorene Zeit. Selbst wenn ich mir noch vorstellen könnte, ein Stück zu schreiben, von dem ich meine, es ist wichtig, dann weiß ich nicht, warum ich es auf dem Theater inszenieren soll." Das klingt hart, beinahe abfällig – aber letztlich war es nur ehrlich. Er wollte eben mehr Leute erreichen als nur ein paar Abonnenten, und das ist ihm geglückt. Er war knapp vierzig, als er zu seiner wahren Berufung fand, nicht auf der Bühne, sondern am Schneidetisch. Hier schuf er dann in gut zweieinhalb Jahrzehnten sein Hauptwerk. "Ein Genie, das sein Jahrhundert verfehlt hat", wie ein Bewunderer schrieb – zumindest aber wohl ein Künstler, dem es nicht genügte, die Ideen anderer auszuführen. Er musste sich einen ganz eigenen Kosmos schaffen.

Neugierde hat er selbst als Triebfeder seiner Arbeit angegeben. Aber das greift sicher zu kurz, wie überhaupt gängige Formeln bei ihm nicht passen. Filmemacher? Erzähler? Chronist? Er drehte ja nicht irgendwelche Filmchen über irgendwelche Figuren; ihn interessierte das Dahinter, das Warum. Warum tickt einer so und der andere exakt andersrum? Warum ist einer ein Weltenbummler, wieso traut sich ein anderer niemals vom Fleck? Was lässt den einen zum Räuber oder Mörder werden, den andern zu dessen Opfer? Wie greifen Lebensmuster ineinander? Widersprüche im menschlichen Tun und Denken; Zufälle, die ungeplant ins Leben eingreifen, seelische Tiefengründe, die hinter allen Namen und Daten liegen und sich nie ganz klären lassen – das alles erkundete er. Und dahinter die Frage, wie sich in der Biografie des Einzelnen manchmal eine ganze Epoche spiegeln kann. Dafür entwickelte er mit den Jahren ein großes Gespür, für diese Geschichten, die exemplarisch im Kleinen das Große aufgreifen.

Bereits der junge Mann, damals noch Handelsschüler, kannte das aus eigener Erfahrung. Sein Vater, ein Student, wurde Opfer von politischer Willkür; er selber entkam drohendem Unheil nur mit Chuzpe und der Hilfe seiner Mutter. Die Sekretärin hatte gute Freunde, und sie hatte Mut. Auch diese Haltung muss ihn geprägt haben, wie die kleinen Fluchten am Nachmittag ins Kino um die Ecke. Hier schult er früh seinen Blick für Masken und Menschen, für Bilder und Perspektiven, für Montage und die Kunst des Weglassens. In seinen eigenen Werken bleiben später meist von unzähligen Stunden Rohmaterial gerade zwei Prozent übrig – die haben es dann freilich in sich. So richtig bekannt machen ihn allerdings weniger die Stoffe, die ihm selber vermutlich innig am Herzen liegen. Populär wird er durch Literatur-Adaptionen, doch auch bei diesem Genre gefällt er sich in der Rolle des Maestro am Schneidetisch: "Ich habe den Roman genommen und getan, als sei das Realität. Das Buch ist für mich wie die Wirklichkeit, ich benutzte es wie einen Steinbruch." Natürlich hat er dann auch noch sämtliche Zettelkästen und Materialsammlungen des Autors durchkämmt und intensive Gespräche mit ihm geführt. Ansonsten hätte er der eigenen Kunst am Ende wohl nicht recht getraut.

Wer war’s?

Frauke Döhring

Auflösung aus Nr. 31:

Der gelehrte Einhart (um 770–840), Vertrauter Karls des Großen (748–814), zog sich vom Hof in Aachen zurück und gründete 828 Kloster Seligenstadt. Um 830 schrieb er die "Vita Karoli" nach dem Vorbild der Kaiserbiographien Suetons. Karl, über 1,90 Meter groß, wurde zu seiner Zeit schon "Vater Europas" und "Leuchtturm" genannt. Der indische Elefant war ein Geschenk Harun-al-Raschids, des Kalifen von Bagdad. Der zitierte Historiker ist Jacob Burckhardt