Der Panorama-Film bietet dem Kino ungeahnte Möglichkeiten: mit seinem Nebeneinander von gleichberechtigten Personen, mit seinen Tableaus gegensätzlicher Charaktere und konkurrierender Klassen ist er wie geschaffen für opulente Gesellschaftsbilder. Aus der Vielzahl der Geschichten und dem Stimmengewirr der Figuren kann das soziale Gewebe einer Stadt wie nebenbei entstehen. Der Zufall als Schicksalsmotor treibt die Lebensläufe mit unterschiedlicher Schubkraft an. Gesellschaftliche Verwerfungen können plastisch abgebildet werden, und der alltägliche Rassismus wird in all seinen Facetten ausgeleuchtet.

Robert Altman, Regisseur der epischen Mosaike von Nashville oder Short Cuts, ist der herausragende unter den Jongleuren mit Dutzenden, lose vernetzten Figuren. Auch Nachwuchskräfte wie Paul Thomas Anderson (Magnolia), der sentimentale Lawrence Kasdan (Grand Canyon) oder forsche Experimentatoren wie Quentin Tarantino (Pulp Fiction) wussten die Vorzüge dieser Form schon für ihre Zwecke zu nutzen. Zwar gestattet der verflochtene Episodenfilm formale Unruhe, Bewegung, beiläufige Passagen ins Unbekannte. Aber er birgt auch die Gefahr der Verallgemeinerung: Aus der Summe der Einzelgeschichten wird leicht dünne Kultursoziologie.

Nicht ganz zufällig ist der unendliche, multiethnische Siedlungsraum von Los Angeles ein beliebter Schauplatz dieses Genres. Zum Kino der vielen Geschichten, die sich Kapitel für Kapitel zum großen Gesellschaftsroman zusammenfügen, will nun L. A. Crash mit einem Mix aus alttestamentarischer Härte und buddhistischer Entspanntheit beitragen - eine passende L.-A.-Mischung. In den USA hat der rigorose Art-House-Film bereits 50 Millionen Dollar eingespielt, ein bemerkenswerter Erfolg, nicht nur angesichts des bescheidenen Budgets von sechseinhalb Millionen Dollar.

L. A. Crash ist das Kino-Regiedebüt von Paul Haggis, der in diesem Jahr bereits als Drehbuchautor von Clint Eastwoods Oscar-Gewinnerfilm Million Dollar Baby einen überraschenden Triumph feierte. In L. A. Crash sind an die Stelle des einen großen Melodramenpaares von Million Dollar Baby nun ein Dutzend Figuren getreten, die in einem verschränkten Episodenreigen von einer Extremsituation in die nächste geworfen werden. Das mathematisch konstruierte Drama ist erneut von der Lust an der Verflüssigung eindeutiger Verhältnisse bestimmt, ein permanentes Spiel mit xenophoben und rassistischen Vorurteilen und ihrer wiederholten Durchkreuzung. Doch die Vervielfältigung der handelnden Personen erzeugt auch befremdliche Nebeneffekte.

Haggis probt in L. A. Crash den Übergang von der Einzelfallstudie zur großstädtischen Enzyklopädie, in der dieselben Figuren abwechselnd in den Rollen von Aggressor, Opfer und Wohltäter präsentiert werden, nicht notwendig in dieser schicksalhaften Reihenfolge. Der junge Afroamerikaner Anthony etwa hasst es, durch die Wohlstands-Avenuen von Westwood, L. A., zu schlendern, weil er meint, die ängstlichen weißen Mittelstandsfrauen würden ihn unaufhörlich taxieren. Ganz so, als sei jeder Schwarze ein potenzieller Räuber und Mörder. Dann zückt Anthony, Mann des Wortes und der Tat, einen Revolver und realisiert kurzerhand, was er als Angstfantasie dem weißen Mittelstandspaar untergeschoben hat, das ihm gerade entgegenspaziert. Mit brutaler Professionalität raubt er dem aufstrebenden Staatsanwalt und dessen ohnehin schon verbitterter Frau die teure Limousine.

Die ironische Überfallszene setzt die erste bittere Pointe in L. A. Crash, und es gehört zum Grundverfahren des Films, dass Anthony ein paar Straßenzüge weiter einen koreanischen Menschenhändler überrollt und den Verletzten widerwillig in der Notaufnahme abliefert, bevor der philosophierende Räuber selbst eine Geisel werden wird und am Ende der 36 Stunden, die die Filmerzählung umfasst, noch eine gute Tat vollbringen darf, die ihm niemand danken kann.

Ähnlich ergeht es dem in Westwood ums Auto gebrachten Bezirksstaatsanwalt und seiner Frau, dem rassistischen weißen Streifenpolizisten und seinem aufrechten Partner, dem geduldigen hispanischen Familienvater vom Schlüsseldienst, dem beinahe unbestechlichen schwarzen Detective von der Mordkommission oder dem cholerischen iranischen Ladenbesitzer und seiner Tochter, die heute Dienst in der Notaufnahme macht.