Das größte Problem der bemannten Raumfahrt sind derzeit die allgegenwärtigen Kameras. Auf der Erde muss Nasa-Chef Michael Griffin täglich vor ihre Linsen treten, um auf der Basis vager Daten markige Statements zur Lage des angeschlagenen Spaceshuttles Discovery abzugeben. Und im Orbit beunruhigen über 100 Überwachungskameras beim Start und im Flug die Shuttle-Besatzung mit immer neuen Detailaufnahmen ihres Raumschiffs.

Denn in jeder Nachricht, in jedem Befund stecken Gefahren-, Streit- und Sorgenpotenziale. Wie sehr sind die Hitzekacheln der Raumfähre beschädigt? Was ist mit dem herausquellenden Füllmaterial? Kann die Discovery damit sicher zurückkehren – oder wird die für Montag geplante Landung zur unkalkulierbaren Zitterpartie für das Bodenpersonal und die sieben Astronauten?

Früher wurde den Raumfahrern noch die Gnade der Unwissenheit zuteil. Da offenbarte sich erst nach der geglückten Landung des Shuttles, welche Trümmerteile abgefallen und wie viele Hitzekacheln zerstört waren. Die Auswertung aller 99 Flüge zwischen 1983 und 2002 zeigt, dass die Raumfähren insgesamt von 15000 Einschlägen getroffen wurden (siehe Grafik). Doch das galt gewissermaßen als natürlicher Verschleiß, nicht weiter von Bedeutung – bis im Februar 2003 die Columbia mit defekten Hitzeschutzkacheln beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte. Seither ist die Sorglosigkeit dahin.

Die lückenlose Überwachung der Mission STS-114 hat allerdings nicht zur Beruhigung der Gemüter beigetragen. Im Gegenteil. Je genauer man die Raumfähre in Augenschein nimmt, umso mehr Mängel treten zutage. So kann das Laserkamerasystem der kanadischen Firma Neptec zum Beispiel noch 0,13 Zentimeter schmale Risse in der Außenhaut der Discovery aufspüren. Ob und wie die Schäden allerdings zu beheben wären, ist unklar. Die Nasa steht damit vor demselben Dilemma wie die moderne Medizin: Die Diagnostik ist erheblich weiter entwickelt als die therapeutischen Möglichkeiten. Als Patient – und Astronaut – möchte man daher manchmal lieber gar nicht so genau wissen, welcher Schatten sich über welches Organ gelegt hat.

Dabei sollte diesmal alles anders werden. "Ich glaube, das wird der problemloseste Flug, den wir je hatten", tönte Nasa-Chef Griffin vor dem Start. Schließlich waren die Shuttles nach dem Columbia- Desaster zweieinhalb Jahre lang auf Herz und Nieren geprüft worden. Zwei Milliarden Dollar waren in Ursachenforschung, in Tests und Nachrüstung geflossen. Schließlich verkündete Griffin, man habe alles Menschenmögliche getan, und gab grünes Licht für die return to flight- Mission.

Ein sauberer Vogel mit quellender Dichtungsmasse

Für die Discovery- Crew begann damit eine mentale Achterbahnfahrt, wie sie selbst die krisengeschüttelte Nasa selten erlebt. Wenige Stunden nach dem scheinbaren Bilderbuchstart am vorvergangenen Dienstag sichteten die 200 Schadenskontrolleure auf den Videobändern vagabundierende Trümmerteile. Auch ein Stück der Schaumstoffisolierung des Außentanks war abgeplatzt – ein solches Teil hatte 2003 die Tragfläche der Columbia getroffen und somit die Katastrophe eingeleitet. Dass ausgerechnet dieser Fehler, den man unter allen Umständen ausschließen wollte, sich zu wiederholen schien, kommentierte Michael Griffin mit echt amerikanischem Optimismus. "Die Kameras funktionierten gut – der Schaum nicht", sprach er in die Kameras.

Doch die Nasa hatte Glück im Unglück: Diesmal segelte der Schaumstoffbrocken am Shuttle vorbei. Zwar meldeten die Sensoren im Discovery- Rumpf 25 Einschläge (sonst waren es rund 145), aber als die Fähre den Orbit erreichte und beim Andocken an der Internationalen Raumstation (ISS) rundum fotografiert wurde, zeigten sich lediglich kleinere Schäden an der Außenhaut. Bis auf vier Dellen schienen die lebenswichtigen Kacheln des Hitzeschildes in Ordnung zu sein. Die Discovery sei the cleanest bird, verkündete Griffin erleichtert, der sauberste Vogel der ganzen Raumfährenflotte.