Der diesjährige Werbeslogan der griechischen Tourismusorganisation tönt vollmundig: Live your myth in Greece. Und tatsächlich brach gut die Hälfte der griechischen Bevölkerung per Schiff in den Urlaub auf just an jenem Freitag, an dem der letzte lebende Mythos des Landes seinen 80. Geburtstag hatte. Im Fernsehen dominierten die Nachrichten über eine Hitzewelle und die Staus in den Häfen, aber auf dem Hauptplatz von Galata bei Chania, nur wenige Schritte von seinem Vaterhaus entfernt, intonierten die Dorfbewohner und eine riesige Schar geladener Gäste: "Dir, Mikis, viel Glück und ein langes Leben / dein Ruhm soll sich bis zu den Bergen erheben" – womit wohl Kretas Weiße Berge gemeint sein sollten.

Dem Mythos Mikis Theodorakis, dem Mythos des linken Kämpfers und Komponisten, populär in allen Kreisen des Volkes, bin ich zum ersten Mal Mitte der siebziger Jahre begegnet. Es war das Ende meiner Kindheit, das mit dem Sturz der Militärjunta zusammenfiel, meine frühen Jugendjahre waren auch die ersten Jahre des politischen Umschwungs. Es waren Jahre, in denen für junge Leute die Zugehörigkeit zu einer Partei fast so selbstverständlich war wie heute der Zugang zum Internet.

Theodorakis war damals bereits Legende: Er hatte die Griechen durch seine Musik dazu gebracht, die Werke ihrer großen Dichter zu singen – Ritsos, Seferis, Elytis –, und gleichzeitig war er die Personifizierung des linken Kämpfers, obwohl er mit dem berühmten Ausspruch "Karamanlis oder Panzer", der die Duldung einer konservativen Regierung nach dem Sturz der Diktatur empfahl, bereits den Bruch mit den linken Dogmen vollzogen hatte. Für mich und viele andere auch bot Mikis – man nannte ihn mit dem Vornamen, wie es nahen Verwandten, engen Freunden und wahren Legenden entspricht – den besten Grund, sich einer Jugendorganisation der linken Parteien anzuschließen.

Schon seine Biografie gab ein unübertroffenes Vorbild: Er war während der Besatzungszeit und im Bürgerkrieg zum Mann gereift, war für seine Ideen und seine revolutionären Aktionen ins Gefängnis gesteckt, gefoltert und verbannt worden, er war einer der Gründer der Lambrakis-Jugend und ihr erster Vorstand gewesen, war unter der Vereinigten Demokratischen Linken zum Abgeordneten gewählt und im Jahr 1967 von der Junta erneut verhaftet, gefoltert und wieder verbannt worden.

Mitte der siebziger Jahre war es zwar leider nicht mehr so heroisch und gefährlich, links zu sein, denn die Demokratie war wiederhergestellt und die Linke legalisiert, doch meine Generation war fest entschlossen, sich eigene kämpferische Lorbeeren zu erringen, indem sie bei ihren Märschen, die alljährlich zum Jahrestag der Geschehnisse im Polytechnikum stattfanden, zumindest mit echter Leidenschaft Theodorakis’ Liederzyklus Romiosini und das Axion Esti sang.

Doch noch bevor wir Zeit genug hatten, von den selbstbezogenen Streitigkeiten und der folgenden Zersplitterung der Linken enttäuscht zu sein, von ihrem ungeschickten Versuch, in der veränderten politischen Landschaft ihre Identität und eine neue Rolle zu finden, war Mikis bereits ins Lager der Pasok-Sozialisten gewechselt. Das konnte man noch nicht als Verrat bezeichnen; aber wenige Jahre später, als die Berliner Mauer fiel, als in Griechenland die Sozialisten in einen Strudel von Wirtschaftsskandalen gerieten und die Karte der europäischen Länder neu gezeichnet wurde, begann Mikis – der damals für die meisten, glaube ich, aufhörte, ihr "Mikis" zu sein –, die viel diskutierte nationale Versöhnung in die Tat umzusetzen und mit der Rechten zu flirten. Er versetzte damit einem Land, das nach wie vor, wenn auch ohne ersichtlichen Grund, im fernen Widerhall der Bürgerkriegsspaltung lebte, den endgültigen Schock.

Der Fluss wird niemals aufhören, dem Land Leben zu schenken

Theodorakis vertrat seine Standpunkte unverdrossen in aller Offenheit und Öffentlichkeit, so provokativ und radikal sie sich auch anhören mochten. Natürlich gab es jedes Mal Proteste: So warfen ihm manche politischen Opportunismus vor, als er der Linken vorhielt, sie sei zu schwach gewesen, um während der Junta einen wirksamen Widerstand zu organisieren, oder als er erst kürzlich von ihrer "stummen Toleranz" gegenüber dem Phänomen des inländischen Terrorismus sprach. Gleichzeitig lobten ihn andere für die Kaltblütigkeit und treffende Schärfe seiner Kritik. Wieder andere bezichtigten ihn der antigriechischen Einstellung, als er bei der Tragödie Zyperns griechische Verantwortlichkeiten geltend machte und die Politik der griechisch-türkischen Annäherung unterstützte.

Dagegen unterstellte man ihm wiederum nationalistische Tendenzen, als er sich gegen den Namen Makedonien wandte, den die ehemalige jugoslawische Teilrepublik beanspruchte. Man hat ihn sogar des Antisemitismus bezichtigt (wegen einer Bemerkung bei einer Buchpräsentation), obwohl er oft genug die Rolle eines inoffiziellen Botschafters zwischen Israel und Palästina gespielt hatte und Autor der Ballade Mauthausen ist.

In einer der ungezählten Diskussionen, die er zu provozieren pflegte, hat ihn einmal jemand mit einem Fluss verglichen: Flüsse schenkten der Erde Leben, Flüsse verbänden, sie erleichterten die Kommunikation … Bisweilen führten sie vielleicht tote Äste mit, verfaulte Baumstämme, sogar Kadaver… Doch alles lande irgendwann im Meer, es verliere sich wieder. Der Fluss werde niemals aufhören, dem Land Leben zu schenken.

Über ein halbes Jahrhundert hinweg ist es Theodorakis gelungen, künstlerische Schöpfungskraft auf bewundernswürdige Weise mit politischer Aktivität zu verknüpfen – und als ein Mensch, der nicht die Absicht hat, offene Rechnungen zu hinterlassen, zahlte er auch jedes Mal seinen Preis dafür. Zwar hat er sich inzwischen aus der aktiven Politik zurückgezogen; übrigens mit dem knappen Satz: "Entschuldigt mich! Künftig mache ich euch mit meinen Visionen nicht mehr das Leben schwer" – einem Satz, aus dem eine heftige Portion Bitterkeit herauszuhören ist. Doch hat er nie aufgehört, sich mit Statements in die Politik einzumischen, die zumindest nicht unbemerkt bleiben.

Bei allen? Ich bin mir nicht sicher. Für die jüngeren Generationen, für die heute 20- und 30-Jährigen, die kein Bedürfnis empfinden, sich in den Parteien zu engagieren, um etwa gegen die Globalisierung zu kämpfen, hat seine politische Stimme vielleicht keine große Bedeutung mehr. Am wahrscheinlichsten ist noch, dass sie seinen Namen vor einigen Monaten im Zusammenhang mit der Kandidatur für die Staatspräsidentschaft haben fallen hören. Man kann aber die Hand dafür ins Feuer legen, dass sie das Lied Ena to chelidoni aus dem Axion Esti singen können…

Und die musikalische Vision? Mikis verfolgt sie uneingeschränkt weiter, mit dem Temperament und Feuer eines Jungen, einem Feuer, das jedem ersichtlich wird, der ihn nur einmal bei der Aufführung seiner Werke den Dirigentenstab hat führen sehen. Der Mensch, der dem volkstümlichen Kunstlied zur Geltung im griechischen Kulturkanon verholfen hat, scheint in den letzten Jahren mit ungeschmälerter Energie beweisen zu wollen, wie wichtig die andere Hälfte seines Schaffens ist: sein symphonisches Werk. Als wolle er einen Kreis vollenden (eine weitere Rechnung, die nicht offen bleiben soll)… Denn der Legende nach hatte er mit 17, als er noch in der Provinz Tripolis lebte, genau so, nämlich symphonisch, begonnen, wenn auch ohne die nötigen Kenntnisse: mit einer Komposition für gemischten Chor und doppeltes Streichorchester. Dieses Jahr nun, im Mai, wurde ihm der Musikpreis der Unesco verliehen.

Jeder Winkel Griechenlands sucht einen Grund, Mikis zu huldigen

Sein 80. Geburtstag wird das ganze Jahr über gefeiert werden. In ganz Griechenland führt man seine Werke auf: in Chania, dem Ort seiner Herkunft, auf Chios, wo er geboren ist, in Iannena, Mytilini, in Pyrgos und auf Kefallonia, wo er die Kindheit verbracht hat, in Arkadien, wo er die Jugend erlebt hat und später auch das Exil. Wie schon bei Homer findet jeder Winkel dieses Landes Gründe genug, Theodorakis für sich in Anspruch zu nehmen. Jedoch: Am Wochenende nach dem Fest, das seine Landsleute in Galatas veranstalteten, fand in Chania ein dreitägiges internationales Symposium zur Würdigung seines Gesamtwerks statt. Im Gespräch mit den Journalisten erinnerte sich der Komponist bewegt an sein erstes Konzert vor 55 Jahren in ebendieser Stadt. Und dann sprach er, wieder einmal konsequent und aus aktuellem Anlass, über die Notwendigkeit, Widerstand gegen jede Form der Gewaltanwendung zu leisten, über die Notwendigkeit, die Ungleichheit zwischen den reichen und armen Ländern zu beseitigen, und über die oftmals fatale Rolle der Massenmedien.

Athen erreichten die Nachrichten von dem Symposion erst mit gehöriger Verspätung. Die Montagsausgabe der Eleftherotypia widmete den Veranstaltungen zu seinen Ehren zwar noch anderthalb Seiten, andere Zeitungen verschwendeten jedoch nicht einmal eine Spalte darauf. Vielleicht war das Wochenende im Hochsommer dafür verantwortlich. Vielleicht hat aber auch Mikis Recht gehabt – wie so oft: Es könnte ja sein, meinte er, dass manche Menschen tatsächlich seiner Visionen ein wenig müde sind…

Aber im Grunde haben wir ihm das ganze Jahr gewidmet. Der Tribut ist gezollt.

Aus dem Griechischen von Birgit Hildebrand

Nikos Panajotopoulos, Jahrgang 1963, zählt zu den bekanntesten Gegenwartsautoren Griechenlands. Er schreibt Erzählungen, Romane und Drehbücher. Auf Deutsch lieferbar ist die Satire "Die Erfindung des Zweifels". Mitte August erscheint bei Reclam, Leipzig, sein neuer Roman "Heiligmacher"

Von Mikis Theodorakis sind 2005 als CD erschienen: "Sinfonie", "First Songs", "Resistance" (alle Intuition) und "Opera Highlights" (FM Records). Der Verlag Axel Dielmann gibt zum Jubiläum drei bibliophile signierte Theodorakis-Interviewbände heraus, mit einem Vorwort von Martin Walser. Erhältlich ab Mitte August